Die Weitsicht des Thomas Zenker erklärt sich am besten an der Sache mit der Seebrücke. Es ist 15 Jahre her, dass Zenker, SPD-Bürgermeister von Großräschen in der Brandenburger Lausitz, den Bau einer Seebrücke beschloss, gleich am Rande seiner Kleinstadt. Damit handelte er sich beißenden Spott ein – weil es dort, wo er bauen wollte, überhaupt keinen See gab, sondern nur ein Tagebauloch. Zenkers Brücke entstand auf dem Trockenen, auf ödem braunem Schlamm. "Brücke ins Nirgendwo", titelte der Tagesspiegel. Unzählige Fotografen reisten an, um das trostlose Bild einzufangen. "Die Leute dachten: Jetzt ist er endgültig verrückt", sagt Zenker, 58. "Ich dagegen ahnte: So billig, wie ich damals bauen lassen konnte, würde es nie wieder."

Großräschens Bürgermeister Thomas Zenker © Marcel Maffei für DIE ZEIT

Vor allem wusste Zenker: Dort, wo gestern noch Wüste war, wird morgen schon Wasser sein. Und so kam es.

Heute sitzt Zenker, ein stattlicher Mann mit kurzem Vollbart, an der Strandpromenade von Großräschen, diesem 8500-Einwohner-Örtchen in der Nähe von Cottbus, und blickt auf sein Werk: ein bisschen Côte d’Azur im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Der frühere Tagebau Meuro, ein gewaltiges Loch, aus dem Bagger 40 Jahre lang die Kohle schälten, wurde geflutet und ist jetzt: der Großräschener See. Längst steht das Wasser so hoch, dass es die Seebrücke erreicht hat. An der Promenaden-Bar trinkt Zenker Rotwein, den ein Landwirt seit einiger Zeit aus Großräschener Trauben gewinnt. Menschen ziehen jetzt her, die Wirtschaft wächst. Und Zenker sagt, strahlend: "Soll doch mal einer behaupten, das hier wäre nicht ein kleines Paradies."

Muss der Ausstieg aus der Braunkohle für die Menschen in der Lausitz wirklich nur schlechte Laune bedeuten? Kann er nicht, wirtschaftlich, touristisch, sein Gutes haben – wenn man es richtig anstellt, wie Bürgermeister Zenker und die Leute in Großräschen?

© ZEIT-Grafik

Die deutsche Debatte verläuft anders, hektischer. Unversöhnlich stehen sich zwei Lager gegenüber: Die einen wollen, um CO₂ zu sparen, die Kohleförderung lieber heute als morgen beenden. Diese Menschen leben, tendenziell, fernab der Lausitz. Die anderen finden, dass man den Kohleregionen nicht zu viel abverlangen dürfe – vor allem nicht hier, nicht in diesem Grenzgebiet zwischen Brandenburg und Sachsen, zwischen Cottbus im Norden und Bautzen im Süden, wo der Populismus gedeiht und die AfD ihre Hochburgen hat. Die Rede ist von Arbeitsplätzen, die gefährdet seien. Es gibt Leute in der Lausitz, die sagen: Da werde eine ganze Region dem Öko-Wahn der urbanen Oberschicht geopfert.

Wie bekommt man das zusammen? Die Kohlekommission, von der Bundesregierung eingesetzt, verhandelte in den vergangenen Monaten genau darüber. Manche, die dabei waren, sagen: Die AfD saß als Phantom immer mit im Raum. Denn riesig ist die Angst, dass die Menschen in Brandenburg und Sachsen, wo am 1. September ein neuer Landtag gewählt wird, wegen des Kohle-Ausstiegs erst recht zu dieser Partei strömen könnten, die den Ausstieg noch immer verhindern will.

Auch deshalb standen am Ende der Verhandlungen zwei Zahlen. Die eine: 2038 – erst dann soll die Kohleförderung in Deutschland enden. Die andere: 40 Milliarden Euro. So viel Geld soll in den kommenden Jahren ausgeschüttet werden, um die Folgen eines Kohle-Ausstiegs für die betroffenen Regionen abzufedern, davon fast die Hälfte, 17 Milliarden, in der sächsischen und Brandenburger Lausitz. Noch sind die Empfehlungen der Kohlekommission kein Gesetz, das soll im Herbst folgen. Doch schon jetzt erhoffen sich manche einen Boom in der Lausitz, ausgelöst durch gewaltige staatliche Investitionen.

Dabei ist schon absehbar, dass wohl kein Boom kommen wird. Dass die Lausitz selbst dann, wenn es gut läuft, bleiben wird, was sie ist – deutsche Provinz.

Wenn auch eine mit großer Geschichte. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg war die Lausitz eine stolze Bergbauregion. Mit Gründung der DDR wurde sie das Zentrum der Energieversorgung des sozialistischen Staates: Wenn hier ein Kraftwerk heruntergefahren wurde, ging in Berlin das Licht aus. Wer Lausitzer war, war stolz darauf. Die SED errichtete hier ihre sozialistische Musterstadt Hoyerswerda, um Tausende Plattenbauwohnungen für die Braunkohle-Kumpel und deren Familien zu schaffen. Doch mit der Wende kam der Niedergang.

Nach 1990 verloren von 80.000 Beschäftigten in der Kohle etwa 90 Prozent ihren Job – der größte Teil des Ausstiegs ist also, in Wahrheit, schon längst geschehen. Seither ist die Lausitz das, was in EU-Förderprogrammen "strukturschwach" heißt: mit einem Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner in Höhe von 26.000 Euro (der gesamtdeutsche Durchschnitt liegt bei 36.000). Dass die Arbeitslosigkeit heute wieder bei um die zehn Prozent liegt, ist auch der gewaltigen Abwanderung zu verdanken. Die Lausitz überaltert. Und jetzt verliert sie ihren zentralen Wirtschaftszweig.