Deshalb wirbt Jörg Steinbach für einen gewissen Realismus. Steinbach, ein 63 Jahre alter SPD-Mann mit grauem Scheitel, reist zurzeit ständig durch die Lausitz. Steinbach wurde vor einem Jahr Brandenburgs Wirtschafts- und Energieminister. Energie braucht er dieser Tage viel. "Ich habe das Gefühl, dass die Lausitzer langsam Mut finden", sagt Steinbach. "Die Leute fangen an, selbst zu grübeln: Was wollen wir eigentlich anstellen mit all dem Geld? Ich hoffe, dass viele Ideen aus der Region selbst kommen werden."

Die Sache mit den 17 Milliarden allerdings, das weiß Steinbach, ist kompliziert. Fragt man Menschen, die in den Regierungen von Sachsen und Brandenburg mit dem Kohlekompromiss befasst sind, erfährt man, dass es sich um einen riesigen Umschichtungsplan handelt. Vorwiegend vorhandene Budgets des Bundes sollen genutzt und Investitionsvorhaben in der Lausitz und anderen Kohleregionen priorisiert werden. Längst geplante Straßen könnten so früher gebaut werden als ursprünglich vorgesehen.

Im Moment, sagt Steinbach, stünde es um die Planungen so: Die 17 Milliarden Euro sollten in Tranchen von jährlich zwei Milliarden Euro ausgegeben werden. 500 Millionen Euro davon wären das, was der Minister "frisches Geld" nennt, also zusätzliche Mittel, die das Bundesfinanzministerium bereitstellt – der Rest stamme aus Umschichtungen.

Das hat eine unangenehme Folge: dass nämlich andere Regionen für die Braunkohle-Provinzen Verzicht üben müssen. Wenn der Kohlekompromiss bedeutet, dass in den kommenden Jahren lauter Infrastrukturprojekte in der Lausitz gefördert werden, dafür aber in der Eifel keine neuen Umgehungsstraßen gebaut werden können, entsteht dann nicht ein neuer Riss in der Republik?

Ja, diese Gefahr bestehe, sagt Steinbach. "Uns wäre auch lieber, wenn der Anteil von frischem Geld an den Kohle-Milliarden größer wäre. Denn auch ich habe kein Interesse an Neid." Allein: Beeinflussen könne er das kaum. Und er nimmt, was er kriegen kann.

Selbst wenn die zwei Milliarden pro Jahr da sind: Wie sie verteilt werden könnten, ist die nächste komplizierte Frage.

Der aktuelle Stand: Zwei Drittel der jährlich zwei Milliarden Euro für die Lausitz sind für Infrastrukturprojekte vorgesehen, für Schienen und Autobahnen und Internetleitungen. Das restliche Drittel soll in konkrete Projekte fließen wie etwa wissenschaftliche Institute und Gründerzentren. Der Abschlussbericht der Kohlekommission verspricht die Errichtung von Forschungs-Clustern, die sich mit Energie, Mobilität und künstlicher Intelligenz befassen. Die BTU Cottbus, Brandenburgs größte Technische Universität, soll eine medizinische Fakultät erhalten. Es kursieren regelrechte Wunschlisten, die die Landesregierungen Sachsens und Brandenburgs beim Bund eingereicht haben: So soll ein Fraunhofer-Institut für Geothermie und Energieinfrastrukturen entstehen, ebenso ein Institut, das CO₂-arme Industrieprozesse erforscht. Es ist vom Ausbau der Eisenbahnstrecke Berlin–Cottbus–Görlitz–Breslau als Schnellbahn die Rede und vom sechsspurigen Ausbau der A 4 zwischen Dresden und Görlitz. In jedem Fall, heißt es, wolle sich der Bund streng nach den Wünschen der Länder richten.

Dabei bangt man etwa in Sachsens Staatskanzlei durchaus, ob das alles wirklich kommt: Die wesentlichen Entscheidungen werden nach den ostdeutschen Landtagswahlen fallen. Was, wenn dann die Angst vor der AfD gar nicht mehr so groß ist – könnte dann, womöglich, das eine oder andere Projekt doch noch unter den Tisch fallen? Jemand in einflussreicher Position in Dresden sagt dazu: "Man stelle sich mal vor, es gibt Neuwahlen im Bund, und Robert Habeck wird Kanzler. Vielleicht wird aus dem, was hier verhandelt wurde, dann niemals konkrete Politik."

Jörg Steinbach, der Minister aus Brandenburg, ist optimistischer, aber er sagt: Er glaube auch nicht an den Masterplan, von oben verordnet. Eine strukturschwache Region brauche eigene Ideen. Dass dieses Wissen reife, sehe er daran, wie viele Leute, vom Bürgermeister bis zum Firmenchef, ihm Projekte vorschlügen. Am meisten, sagt er, wünsche er sich, dass viele Orte den Weg von Großräschen gehen und klug ihren eigenen kleinen Strukturwandel gestalten.