"Die Jungen sind gut, radikal", sagt Lili Hinstin über die Schweizer Filmszene. © Sabrina Montiglia für DIE ZEIT

DIE ZEIT: Frau Hinstin, Sie sind Französin und leiten seit diesem Jahr das Filmfestival in Locarno. Kennen Sie den Film Die Schweizermacher?

Lili Hinstin: Nein, ich fürchte nicht. Was ist das für ein Film?

ZEIT: Es ist der erfolgreichste Schweizer Film ...

Hinstin: ... überhaupt?

ZEIT: Ja, er ist von 1978, Regie führte Rolf Lyssy.

Hinstin: Erklärt einem der Film die Schweiz, eine Art Bienvenue chez les Ch’tis ?

ZEIT: In der Art. Es ist eine Komödie über die Beamten der Einwanderungsbehörde, die Ausländer auf ihre Schweizkenntnisse prüfen.

Hinstin: Von diesen Tests habe ich gehört. Gerade neulich hat mir jemand, der den Prozess durchgemacht hat, davon erzählt. Pardon, wie hieß der Film noch mal?

ZEIT: Auf Französisch Les Faiseurs de Suisses.

Hinstin: (notiert sich den Titel) Den muss ich mir unbedingt anschauen! Komödien sind das Genre, das die Kultur eines Landes vielleicht am besten zum Ausdruck bringen kann.

ZEIT: Wir Schweizer werden in dem Film als rechte Bünzlis dargestellt.

Hinstin: Die Schweiz ist doch aber auch ein Ort, wo starke anarchische und politische Bewegungen entstanden sind. In unserer Retrospektive zum Black Cinema des 20. Jahrhunderts zeigen wir eine unglaublich tolle Schweizer Produktion aus dem Jahr 1930: Borderline von Kenneth MacPherson. Eine Dreiecksgeschichte zwischen einem schwarzen und einem weißen Paar. Sehr politisch, utopisch, irrsinnig modern, experimentell, rebellisch, freigeistig. Man mag es fast nicht glauben: Wie war so ein Film damals möglich? Und er kam aus der Schweiz!

ZEIT: Das ist wirklich erstaunlich.

Hinstin: Wieso? Mir scheint, dass das gegenwärtige Filmschaffen in der Schweiz wieder sehr lebendig ist. Die Jungen sind gut, radikal.

ZEIT: Radikal? Ich finde vieles ziemlich brav.

Hinstin: Das geglättete Zeugs gibt es doch überall. Schauen Sie nur mal, was für Filme in Frankreich jedes Jahr für die Césars, den nationalen Filmpreis, nominiert werden. In der Schweiz gewinnt Ceux qui travaillent von Antoine Russbach – großartig! Und das sage ich jetzt nicht, weil der Film in Locarno Premiere hatte.

ZEIT: Aber im Kino hatte er kaum Zuschauer, nicht einmal 7000. Und so ergeht es vielen kantigen Filmen. Ist das nicht auch ein Problem für Locarno?

Hinstin: Natürlich beschäftigt mich das, und ich mache mir Sorgen um die Branche. Als Festival betrifft es uns aber nicht, wir haben eher steigende Zuschauerzahlen. Locarno ist ein Event, und Kultur verlagert sich immer mehr in Richtung Events. Aber man darf jetzt auch nicht alles verdrehen, es war kein so schlechtes Jahr für das Kino aus der Schweiz. Wolkenbruch war sehr erfolgreich, Zwingli auch.

ZEIT: Aber international reißen die nichts.

Hinstin: Dafür gibt es viele Dokumentarfilme aus der Schweiz, die weit reisen. Oder nehmen wir Fredi M. Murer ...

ZEIT: ... dem Sie dieses Jahr den Leoparden für sein Lebenswerk verleihen ...

Hinstin: ... und dessen Film Höhenfeuer ein Stück Kinogeschichte ist. Er hat das Bild, das ich vom Schweizer Film hatte, auf den Kopf gestellt.

ZEIT: Was hatten Sie für ein Bild?

Hinstin: Schweizer Filme waren für mich tendenziell leicht, quirlig. Schon auch politisch, aber mit einem ironisch-distanzierten Blick. Die Härte und die Nähe zur antiken Tragödie bei Murer überraschten mich.

ZEIT: Murer ist 78. Was ist mit den Jungen?

Hinstin: Es gibt jemanden wie Basil da Cunha, der mit seinem Debüt nach Cannes eingeladen war. Sein zweiter Film läuft bei uns nun im Hauptwettbewerb. Die Filmschulen in der Schweiz sind außergewöhnlich gut, und wir haben für das Festival ein paar extrem kühne Filme gefunden.

ZEIT: Sie arbeiten seit gut einem halben Jahr für das Festival. Welchen Eindruck haben Sie von der Schweiz?

Hinstin: Es dauert lange, ein Land zu verstehen. Selbst Frankreich ist mir manchmal noch ein Rätsel. Was mir hier auffällt, ist der starke Drang nach Unabhängigkeit. Die Schweiz hat eine sehr interessante, eigene Mentalität. Eine Nation, die vier Sprachen und Kulturen aushält – verrückt! Ich kann die Schweiz aber noch zu wenig beurteilen, ich pendle zwischen Paris und Locarno und war auch sonst nonstop unterwegs. Ich war auf dem Sundance Film Festival in Utah, habe mir in Hongkong den asiatischen Markt angeschaut, in Buenos Aires den lateinamerikanischen. In Mexiko saß ich in einer Jury, in Los Angeles traf ich Leute von den großen Studios, Disney, Fox Searchlight, auch Amazon.