Neo Rauch, so viel steht fest, ist die Sache ziemlich unangenehm. Als sein Bild, Der Anbräuner, am vorigen Sonnabend von zwei Frauen auf gefährlich hohen Absätzen und unter wackeligster Anstrengung in den Ballsaal eines Leipziger Nobelhotels gewuchtet wird, hat der Meistermaler gerade die Flucht ergriffen. Ist hinausgeflitzt aus dem Raum, in dem seine Kunst zu Geld werden soll, zu möglichst viel Geld. Er will nicht dabei sein bei dem Vorgang, den er selbst ausgelöst hat. Der Verkauf von Kunst ist immer ein bisschen obszön für ihren Schöpfer. Und ist es selbst dann, wenn es auf einer Charity-Gala geschieht, auf der Immobilienmillionäre, Showgrößen und Polit-Prominente die Lage der Welt und des eigenen Portemonnaies erörtern und dann nebenbei kurz die Hand heben beim Wettbieten um den neuesten Rauch.

Der Anbräuner: Über kein anderes Gemälde ist zuletzt so viel gesprochen worden wie über dieses. Erstmals gezeigt wurde es hier, in der ZEIT, weil es sich beim Anbräuner um die Reaktion auf einen ZEIT-Text handelt: Von einem Essay des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich (ZEIT Nr. 21/19) sah sich Rauch zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt, weshalb er mit einer Art Karikatur reagierte, die Ullrich auf einem Nachttopf zeigt, mit den eigenen Exkrementen braune Symbole auf eine Leinwand schmierend.

Jetzt steht Christian Lindner, der Bundesvorsitzende der FDP, vor 400 Ehrengästen und ruft: Dieses Bild werde einst in Schulbüchern abgebildet sein! Es handle sich um Zeitgeschichte, denn Der Anbräuner sei eine Analogie auf die Debattenkultur der 2010er und 2020er Jahre! Da könne man doch noch 10.000 Euro mehr geben!

Lindner ist an diesem Abend als Auktionator im Einsatz, er teilt sich dieses Ehrenamt bei den GRK Golf Charity Masters mit dem Moderator Florian Silbereisen und Leipzigs SPD-Oberbürgermeister Burkhard Jung. Tagsüber wurde gegolft, abends wird diniert und gespendet. Lindner, Silbereisen und Jung sind dafür zuständig, die Gebote hochzutreiben, was sie gerne tun, weil jeder Cent guten Zwecken zufließen soll, unter anderem einem Kinderhospiz. Seit Langem stiftet Rauch jährlich eines seiner Gemälde für die Gala. Vor dem Anbräuner haben Lindner, Silbereisen und Jung an diesem Abend schon einen Mercedes-Benz GLC 250 4MATIC versteigert (50.000 Euro), eine Patek Philippe Herrenuhr (94.000 Euro) und einen Werbeplatz auf den T-Shirts von Cathy Hummels und Franca Lehfeldt. Die eine ist die Frau von Mats Hummels, die andere die Freundin von Christian Lindner, weshalb der bei diesem Programmpunkt kurz aussetzte. Die T-Shirts sollen von beiden Frauen beim New-York-Marathon getragen werden (das brachte 100.000 Euro).

Das sind natürlich keine Summen, für die man einen Neo Rauch bekommt, Öl auf Leinwand, 150 mal 120 Zentimeter! Aktuelles Gebot: 420.000 Euro. Da gehe doch noch was, finden Lindner und Silbereisen und Oberbürgermeister Jung. 430.000 Euro, 440.000 Euro, vielleicht da am Tisch, an dem Eisprinzessin Katarina Witt und Sachsens Ministerpräsidentenpaar sitzen? Oder daneben, bei Simone Thomalla und Ralf Rangnick? Nein, nein, die Hände gehen anderswo hoch, man sieht es gar nicht so genau im Halbschatten des Ballraums, 480.000 Euro, 500.000 Euro, 530.000 Euro. Und dann bietet einer 550.000 Euro, zum Ersten, zum Zweiten, und so sehr Christian Lindner sich bemüht, das bleibt das letzte Gebot, zum Dritten.

Jedoch bleibt es nicht die letzte Wendung dieses Abends: Jetzt kommt der Auftritt von Christoph Gröner.

Gröner, 51, ist Gründer und Chef einer deutschlandweit operierenden Immobilienfirma, die seine Initialen trägt, der CG-Gruppe, zudem ist er seit dieser Sekunde Höchstbietender der Neo-Rauch-Auktion, ein sehr adretter Mann mit nach hinten gegeltem Haar, er schnappt sich sogleich das Mikrofon und sagt: 550.000 Euro, das sei zu wenig für dieses Bild! Er habe ein Budget von 750.000 Euro eingeplant. Und deshalb lege er jetzt noch 200.000 Euro drauf. Applaus, Verwunderung, Getuschel.

Gröner erzählt nun, was er plane mit dem Gemälde, es werde öffentlich zugänglich sein, er gründe gerade einen Verein, zu dem der Anbräuner hervorragend passe: den Verein für den gesunden Menschenverstand. In dessen Zentrale werde Der Anbräuner das Foyer schmücken. Noch etwas lauteres Getuschel. Neo Rauch betritt wieder den Ballraum, aber kaum jemand bemerkt ihn, die meisten rätseln wohl, was es mit diesem Verein auf sich habe. Nein, auch Neo Rauch hat, erkennbar, noch nichts davon gehört. Geht dem Oberbürgermeister ähnlich. Ja, was hat es damit auf sich?

Ein Anruf bei Christoph Gröner am übernächsten Tag: "Verein für den gesunden Menschenverstand?" Ja, genau, sagt Gröner, wobei man das Wort "gesund" streichen müsse, weil er festgestellt habe, dass es bereits eine Partei gleichen Namens gebe.

Was plant er mit dem Verein? "Es sind zu viele falsche Fakten im Umlauf, zu viele Einschätzungen, die auf manipulierten Informationen und Unwahrheiten basieren. Wir gründen eine Seite im Internet, die nichts anderes liefert als Daten. Auf der die Leute Aufklärung finden, wenn sie sie suchen." Zum Beispiel zu welchen Themen? CO₂, sagt Göpel, Tempolimit, Integration, das seien nur einige Beispiele – eben das, worüber so diskutiert werde und wo es manches richtigzustellen gebe. Er baue eine richtige Redaktion auf, Datenjournalismus, in Berlin werde die sitzen, im September gehe alles los, und demnächst verrate er die Adresse, damit man sich den Anbräuner anschauen könne. Viele honorige Leute unterstützten ihn, Wissenschaftler, Manager, Unternehmer.

2,2 Millionen Euro hat die Charity-Gala am Ende eingebracht, und am Lächeln der Frau vom Kinderhospiz ist zu erkennen, dass all der Rummel sein Gutes hatte, wie auch immer er ausgeht.