Diese Reise beginnt, wie die allermeisten, im Kopf. Lange bevor Gerhard Schröders fünfte Ehefrau Soyeon Kim auf dem roten Teppich in Bayreuth vor Aufregung stolpert und lange bevor Peter Sellars in seiner Salzburger Festspielrede eine "neue Zivilisation" fordert, ein Ende der "imperialen Ära", starre ich auf die Wetter-App in meinem Handy. Bayreuth, 33 Grad, heißt es da. Das geht ja noch. Aus 33 Grad aber macht die Prognose rasch 34, 35, 36 Grad. Gemessen werden am 25. Juli schließlich 37 Grad im Schatten und 45 Grad in der Sonne, die Festspiele finden trotzdem statt. Auf meinem kurzen Fußmarsch zum Grünen Hügel versuche ich, die Wärmestrahlung von 1974 Wagnerianern auszurechnen, so viele Besucher fasst der Zuschauerraum. Oben angekommen, habe ich das Gefühl, mir haute jemand mit einem Hammer auf den Kopf.

Solange er Kanzler war, ist Gerhard Schröder nie nach Bayreuth gefahren. Kunst als Staatsaktion, das lag ihm nicht. Und dann noch Wagner.

Eine Klimaanlage, versichert Katharina Wagner auf der Pressekonferenz, werde es in Bayreuth auch künftig nicht geben, Klimawandel hin oder her. Das Haus ist aus Holz gebaut, dieses würde austrocknen, die einzigartige Akustik wäre gefährdet. Kunstfron also oder Kunstflucht, lautet die Alternative dieses Sommers, aushalten oder wegbleiben. Und doch gehört meine Reise zu Wagners Tannhäuser nach Bayreuth, zu Händels Agrippina nach München und zu Mozarts Idomeneo und Cherubinis Médée nach Salzburg zu den eindringlichsten der vergangenen Jahre. Weil wirklich etwas auf dem Spiel steht. Anders als der junge Anarchist Richard Wagner, der frei sein wollte, "frei im Wollen, frei im Thun, frei im Geniessen!", haben wir mit unseren Freiheiten so zerstörerisch gewütet und wüten weiter, ökologisch, sozial, dass wir längst dem Freiheitsbegriff selbst misstrauen. Und am Schönen, Guten, Wahren zweifeln. Oder moralisch werden.

So viel "draußen" jedenfalls – und das fängt in Bayreuth an – gab es in der Oper selten. Das Genre rüttelt an seinen Ketten, als wollte es hinaus auf die Marktplätze und Kirchenstufen, auf denen es einst geboren wurde. Das Sit-in, das der Tannhäuser- Regisseur Tobias Kratzer in der ersten Pause rund um den Teich am Fuß des Festspielhügels veranstaltet, ist dafür ein gutes Beispiel. Die farbige Dragqueen Le Gateau Chocolat und der kleinwüchsige Schauspieler Manni Laudenbach im Blechtrommel- Outfit von Oskar Matzerath (beide gehören zu Venus’ Entourage) machen hier Party, lassen Luftballons steigen und ein Schlauchboot schwimmen und entern alsbald – so beginnt der zweite Akt – mit einer Leiter das Festspielhaus. Dort wird, wen wundert’s, Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg gegeben. Erfrischung benötigt? Wo sich die Hochkultur nicht zu den Pausenclowns bequemt, den Freaks und Freigeistern, sagt Kratzer, rücken die eben den heiligen Hallen zu Leibe.

Per Video-Livestream, zeitgleich zum hyperkonventionell dahinschlurfenden Wartburg-Geschehen auf der Bühne, sieht man das queere Häuflein nun durch die Katakomben ziehen: die blonde Venus, sündhaft schön und in Glitzerleggins, Le Gateau Chocolat, High Heels, knatschgelber Tüll, und der Kleene mit seiner Trommel. Tannhäuser suchen sie, ihren Kumpel, der die blöde Idee hatte, in sein bürgerliches Sängerleben zurückzukehren. Witzig und kackfrech, wie die drei an der berühmten Dirigentengalerie vorbeiflanieren: hier ein klimpernder Augenaufschlag des Travestiekünstlers vor Christian Thielemanns Konterfei, dort ein drohender Zeigefinger in Richtung James Levine. Es wird viel gelacht an diesem Abend in der Bayreuther Gluthitze, auch unter Niveau, etwa wenn zu Tannhäusers gefürchteten "Erbarm dich mein!"-Rufen Ende des zweiten Akts (drei hohe As hintereinander!) die Festspielleiterin persönlich im Bild erscheint und 110 wählt. Die Polizei hat freilich nicht viel zu tun, längst schließt Tannhäuser seine schrillen Freunde wieder in die Arme. Le Gateau Chocolat deckt die Harfe des Sängerwettstreits mit einer Regenbogenfahne zu, dann ist der olle Ritter-Spuk um die Gunst Elisabeths von Thüringen vorbei, und das ach so wilde, ungezügelte off stage-Treiben kann neu Fahrt aufnehmen.

Für die Männerfantasie, die Wagner hier auf Tannhäuser ablädt, interessiert sich die Inszenierung nicht. Kratzer und sein Team – Rainer Sellmaier für Bühne und Kostüme, Manuel Braun für die hinreißenden Videos – scheren sich nicht um Hure (Venus) oder Heilige (Elisabeth), Sinnenrausch oder Liebe, sondern konfrontieren zwei Seinsauffassungen miteinander: auf der ästhetischen Ebene das Klischee der Werktreue mit dem jüngeren Bayreuther Regietheater (die Zitate reichen vom Schlingensief-Hasen bis zu diversen Castorfiana) und der sogenannten Autorenregie; und auf der gesellschaftlichen Ebene Macht und Elend des Establishments mit dem Potenzial der, nun ja, Jungen, Kreativen. Die Sache geht übel aus: Tannhäuser, der zum Vorspiel mit Venus so fröhlich durch den Thüringer Märchenwald düst, wünscht sich am Ende nichts sehnlicher, als dies mit Elisabeth getan zu haben (Tenöre sind eben doch schlicht von Gemüt). Da hat sie sich bereits die Pulsadern aufgeschnitten, und auch Venus kann in einer letzten Aktion à la Pussy Riot nicht verhindern, dass Oskar in der Gosse landet und Le Gateau Chocolat sich kaufen lässt – sie macht jetzt Uhren-Reklame. Das queere Projekt: gescheitert. Keine Erlösung, nirgends. Nur ein bisschen Boulevard.

Eine Aufführung voller Ironie und makellosem Handwerk, stets liebevoll, nie hämisch. Wollte man Tobias Kratzer etwas vorhalten, dann dass er die Dichotomien, die er zeigt, nur halbherzig dekonstruiert. Von Opas Mottenkiste hat man sich auf dem Grünen Hügel vor Jahrzehnten verabschiedet, und wo, bitte schön, treten noch säuberlich Aussteiger gegen Aufsteiger an, Kommunarden gegen Spießbürger? 2019 kennt die Spaltung der Gesellschaft weitaus verwirrendere Formen und Fronten. Kratzer ist Wagners Utopie auf der Spur, wenn er Tannhäuser im dritten Akt als Argumentationshilfe einen Klavierauszug in die Hand drückt (den von Tannhäuser). Vielleicht steht ja doch etwas in den Noten, das Schluss macht mit "drinnen" und "draußen" und jedes binäre Denken überwinden hilft. Vielleicht aber auch nicht, schon der junge Wagner war ein Filou.