Mittig Paula Murrihy als Idamantes, rechts daneben Ying Fang als Ilia, kniend Nicole Chevalier als Elettra in Mozarts "Idomeneo" © Anne Kirchbach

Sellars freilich treibt noch einen anderen Keil ins Geschehen. Über weite Strecken sieht dieses aus wie ein Remake seines Sensationserfolgs mit Mozarts La clemenza di Tito vor zwei Jahren, nur dass die Szene (George Tsypin) jetzt voller Plastikmüll ist, hochästhetische Designerobjekte, aber große und viele und aus Plastik. Idomeneo erzählt von einer Natur in Aufruhr, bei Mozart kann am Ende nur ein Deus ex Machina den Konflikt lösen, die Menschen retten und das Meer befrieden. Bei Sellars ist es ein Kunstgriff: Indem er die große Ballettmusik ans Finale setzt und eine Tänzerin und einen Tänzer aus Hawaii und Kiribati auftreten lässt (beide von den steigenden Meeresspiegeln existenziell bedroht), endet der Abend in einem flammenden Appell für ein sofortiges globales Umdenken in Sachen Klimapolitik.

Hat Sellars etwa Richard Wagner gelesen ("Die holde Kunst, sie werde jetzt zur Tat!")? Darf Oper das, sich so weit nach "draußen" lehnen, so unverhohlen Partei ergreifen? Sie darf, nein: Sie muss – und nichts daran ist wohlfeil. Weil es nicht mehr genügt, sein eigenes kleines Kunsterleben nach Hause zu tragen und sich daraus seine kleine Welt zu zimmern. Weil die Fichten im Thüringer Wald, durch den Tannhäuser, Venus, Oskar und Le Gateau Chocolat brettern, zum Sterben verurteilt sind. Und weil Sellars so viele Festspielreden halten kann, wie er will: Die Viertelstunde, in der Brittne Mahealani Fuimaono und Arikitau Tentau, den beiden Tänzern, die Felsenreitschule gehört, brennt sich ein.

Damit könnten alle Festivals im Grunde zu Ende sein. Passenderweise kommt Regen auf, in dicken grauen Schnüren fällt er vom Himmel, einen Nachmittag, eine Nacht, einen Vormittag lang. 16, 17 Grad, welche Labsal!

Und ein Postskriptum:

Dienstagabend hat im Großen Salzburger Festspielhaus noch Cherubinis Médée Premiere, erneut geht es um Mythos und Macht, Göttliches und Menschliches. Ein Mann, Jason, betrügt seine Frau, Medea, sie trennen sich, er heiratet neu, Medea kommt zurück und bringt erst ihre Rivalin um, dann ihre beiden Kinder. Medea (mit leuchtender Intensität: Elena Stikhina) ist die Fremde. Sie hat nur ihre Rache und ihre Unerbittlichkeit.

Simon Stone, der Regisseur, erzählt diese Geschichte in so wasserdicht heutigen Bildern – im Puff, im Hotel, am Flughafen, an einer Tankstelle –, dass es einen vor Wohlvertrautheit gruselt. Mailboxnachrichten sind zu hören, und perfekt gedrehte Videos zeigen, wie glücklich (und banal) das Leben früher war und was im Off geschieht. Dass diese Passagen ohne Gesang und Musik, also ohne "Oper", bewegender sind als der ganze Cherubini mit seiner strengen, etwas hölzernen Dramatik, zielt sicher mehr auf Öffnung und Erklärung als auf eine Kritik am Stück.

Der Grat ist hier definitiv schmaler als bei Mozart oder Wagner. Und sie steht ja auch immer mit auf dem Spiel, die Frage, wie lange wir von den Ressourcen unserer alten Partituren noch werden zehren können, ohne Raubbau zu treiben.

Der Sommer 2019 hat darauf nachhaltige Antworten gegeben.