Tausende Jahre war sie die Herrscherin in den Wäldern unseres Kontinents, der damals noch keinen Namen hatte. Als sich die Gletscher nach der letzten Eiszeit zurückzogen, rückte sie langsam vom Süden Europas nach Norden vor. Und wohin sie kam, setzte sie sich durch: Die Rotbuche, Fagus sylvatica, formte riesige Wälder, die sich über große Teile Mitteleuropas erstreckten. Deutschland war einst zu zwei Dritteln von ihnen bedeckt.

Geblieben sind nur ein paar Reste, in Deutschland haben fünf Flecken mit jeweils ein paar Tausend Hektar überlebt. Buchenurwälder gibt es in zwölf Ländern, von einem kleinen Fitzel in Belgien bis hin zu Gebieten im Osten wie der Ukraine oder Slowakei. Die größten alten Waldgebiete liegen in den Karpaten Rumäniens.

© ZEIT-Grafik

Ein Schatz der Menschheit, ganz offiziell. 2011 ernannte die Unesco die urtümlichen Buchenwälder zum Weltnaturerbe: so wertvoll und einmalig, dass sie allen Menschen gehören und die Staaten, die sich das Welterbe teilen, gemeinsam die Verantwortung tragen, den Schatz zu bewahren. Das gilt auch für Rumänien.

So weit die Theorie. Die Realität lässt sich am Fall der Nationalstraße DN 66A erzählen. Sie verbindet die Kohlestadt Petroșani im Westen des Landes mit dem Kurort Herkulesbad (Băile Herculane). 138 Kilometer lang, das meiste davon ist eine schmale, raue Asphaltpiste, für die Autos vier Stunden brauchen. Nur die ersten 66 Kilometer wurden ausgebaut, zum Teil schon in der Sowjet-Ära. Jetzt soll ein weiterer Abschnitt hinzukommen. Das Geld dafür, umgerechnet 60 Millionen Euro, sei bereitgestellt, heißt es seitens der rumänischen Regierung.

In Petroșani lohnt sich der Kohleabbau längst nicht mehr. Auch am anderen Ende der Straße, in Herkulesbad, das einst von Touristen lebte, wartet man auf bessere Zeiten. Beide Regionen sind im Abschwung, die Regierung will sie mit dem Straßenbau attraktiver machen, vor allem für den Tourismus.

Für auswärtige Besucher wäre aber gerade das attraktiv, was zwischen den beiden Orten links und rechts der DN 66A liegt: zwei Nationalparks voller Buchenwälder, zum Teil Urwälder, in denen noch nie ein Mensch mit Axt oder Säge war. Hier sieht man, wie Europa aussah, bevor die Menschen begannen, mit ihrem Holzhunger die Wälder aufzufressen. Bären sind hier zu Hause, Luchse, Spechte und Käfer, die man in bewirtschafteten Wäldern nicht mehr findet.

Dieses seltene Ökosystem ist durch die DN 66A nun gefährdet. Denn mitten durch diese Welt soll die Straße erweitert werden, 19 Kilometer lang. Der größte Teil des Ausbaus führt durch den Domogled-Nationalpark, drei Kilometer durch Natura-2000-Gebiet, das durch europäisches Recht geschützt ist, und der letzte Kilometer quer durch das Unesco-Welterbe. Die Straße würde massive Eingriffe in das eigentlich unantastbare Gebiet erfordern. Berge müssten zum Teil weggesprengt werden.