Manchmal ist der Unterschied zwischen normaler Eifersucht und krankhafter Besessenheit nicht so leicht zu erkennen. Bei mir war es ein schleichender Prozess, bis ich verstand: Hier stimmt etwas nicht.

Meinen Ex, ich nenne ihn hier Timo, habe ich im Februar 2017 im Internet kennengelernt. Am Anfang war er großartig, immer für mich da, zärtlich und sehr, sehr liebesbedürftig. Trotzdem war es nie leicht zwischen uns. Er war eifersüchtig und sehr besitzergreifend.

Darum stritten wir viel. Wir führten eine klassische On-off-Beziehung. Manchmal nahm er mir die Luft zum Atmen, dann trennte ich mich. Lange hielt das aber nie, er war hartnäckig und ich verliebt. Ich redete mir ein, seine Eifersucht sei normal. So ging das über ein Jahr.

An einem Sonntag Ende 2018 eskalierte dann ein Streit. Es ging um eine Kleinigkeit. Timo hörte nicht auf rumzuschreien, mein fünfjähriger Sohn bekam Angst und weinte, also forderte ich Timo auf zu gehen. "Ich gehe nirgendwohin", schrie er. Und da bekam ich Panik. Als ich die Polizei rufen wollte, riss er mir das Telefon aus der Hand. Ich begann zu brüllen, so laut ich konnte. Irgendwie schaffte ich es schließlich, ihn aus der Wohnung zu drängen. Das Letzte, was er sagte, war: "Ich bringe mich um!" Ich rief die Polizei, sie kam und nahm ihn mit. Abends rief er mich an und bat um Entschuldigung. Ich sagte: Lass mich in Ruhe, für immer!

Am nächsten Morgen begann der Albtraum. Timo schrieb mir auf WhatsApp, als wäre nichts gewesen. Ich blockierte ihn. Mein Festnetztelefon klingelte. Wieder und wieder. Die Tage vergingen, und nichts änderte sich. Liebesbekundungen, ­Tränen, Drohungen – er lud alles auf meinen Anrufbeantworter. Jeden Tag, mehrmals. Ich ignorierte ihn. So ging das über Monate. Er legte sich Fake-Profile im Internet an und kontaktierte mich unter falschem Namen. Er belästigte den Vater meines Kindes, meine Freunde, meine Familie.

Irgendwann begann er, mir wahllos kleine Geldbeträge zu überweisen, dann hingen plötzlich Geschenke an meiner Türklinke. Ich traute mich nicht mehr auf die Straße, ich hatte Angst, er würde unten warten.

Mir war klar: Ich schaffe das nicht allein. Also ging ich zu der Beratungsstelle "Stop Stalking Berlin". Hier bekam ich Unterstützung und konnte mir zum ersten Mal eingestehen, wie schwierig es trotz allem war, mich emotional von Timo zu lösen. Es war nicht einfach für mich, zu verstehen, dass er krank ist.

Und plötzlich hörte es auf. Seit einem guten halben Jahr habe ich endlich Ruhe. Ich habe einen neuen Mann kennengelernt und das öffentlich gemacht. Seither ist Timo still. Ich weiß nicht, wieso, und es ist mir auch egal. Ich bin einfach nur froh, dass er aufgehört hat. Ich hoffe, er hat keine andere Frau gefunden, sondern Hilfe.

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