Hanna Jacobs, 30, ist Pfarrerin im "raumschiff.ruhr", einem Gemeindepionierprojekt in Essen. Hier beschreibt sie ihre Kirche von innen – im Wechsel mit Erik Flügge. © Hannes Leitlein

Seit ich Kolumnistin bin, will ich über den Talar schreiben. Als schriebe ich für die Vogue, einmal diesen langen schwarzen Mantel einer Stilkritik unterziehen. Doch fand ich es bisher zu vorhersehbar, nach der Predigt nun auch noch die evangelische Amtstracht abschaffen zu wollen. Aber dann kam der Sommer 2019 und mit jedem Tag ein neuer Hitzerekord. Und die Pfarrerschaft schwitzte unter ihren Talaren. In der WhatsApp-Gruppe meines Vikariatskurses kreisten Tipps, wie man es bei 40 Grad auf dem Friedhof in einem bodenlangen schwarzen Gewand am besten aushält: ein paar Tropfen Pfefferminzöl im Nacken verreiben.

Der Talar ist eben unpraktisch, sobald es wärmer ist als 25 Grad. Er besteht schließlich aus meterweise schwarzer Schurwolle. Talarschneidereien werben auf ihren Websites mit "leichten" Sommertalaren aus atmungsaktiver Merinowolle.

Ich werbe dagegen: Zieht ihn doch einfach aus! Der Talar ist kein geistliches Gewand, sondern eine preußische Amtstracht. König Friedrich Wilhelm III. verfügte 1811 per Kabinettsordre, dass von nun an der schwarze Talar zu tragen sei, und setzte damit der textilen Vielfalt ein Ende. Nun gibt es heute kein Preußen mehr, das am Ungehorsam gegen diese Zwangstracht zugrunde gehen könnte. Vielleicht ist dieser Sommer ein Anlass, zwischen Juni und August ein paar Alternativen zu erproben. Da sind viele Gottesdienste ohnehin urlaubsleer.

Da wäre natürlich die Albe, leichter und weiß. Und nicht nur im Hochsommer vor allem eins: ökumenisch anschlussfähiger. In den USA und Schweden tragen Lutheraner längst Weiß. Selbst in den streng reformierten Niederlanden geht der Trend zu diesem – traditionell katholischen – Gewand. Gut vorstellbar bei der Hitze wäre weiter die Kombi aus weißem Hemd und liturgisch passender Stola. Eine Stola kann man, wieder mit Blick zu den amerikanischen Geschwistern, über alles drüberziehen. Dann geht natürlich auch das Kollarhemd. Oder, ganz modern, das Kollar-T-Shirt. Schwarz, schlicht, sommerlich.

Und dann gäbe es da noch die kühne Idee, einfach ganz normale Kleidung zu tragen und sich optisch nicht von den anderen Menschen in der Gemeinde abzuheben. "Aber die Erkennbarkeit ...", werden einige meiner verehrten Kollegen nun einwenden. Nun, ich war schon in verschiedenen freikirchlichen Gemeinden zu Besuch und habe jedes Mal recht schnell erkannt, wer da der Pastor ist. Auch ohne besondere Amtstracht.

"Aber die Leute wollen das so ...", sagen wieder andere, und dann noch etwas von "Würde" und "Symbol" und "Amt". Ja, ein paar wollen das tatsächlich so. Vielen ist schlichtweg egal, was ihre Pfarrerin trägt, und genug Menschen stören sich an der Distanz, die durch dieses Kleidungsstück automatisch geschaffen wird. Genug Gründe, den Talar an den Nagel zu hängen.