"Ich könnte da Geschichten erzählen", sagt er. Einmal habe ein Mann seinen Ehering im See verloren. Der Mann habe den Kassenwart informiert, der Kassenwart habe Drejka informiert, und keine Stunde später habe Drejka den Ring vom Grund des Sees gefischt. "Die Frau hätte dem die Hölle heißgemacht! Der war frisch verheiratet!"

10 Uhr: "Puh!" – "Ah."

Allmählich wird geprustet und geächzt, das Wasser vorsichtig bis zur Hüfte getestet, dann innegehalten – als könne man es sich jetzt noch mal anders über­legen und rückwärts wieder raus. Dann folgt der Kick, die Kälte beim ersten Abtauchen, schließlich der Lohn für die Überwindung: wenn der See einen wegzustoßen, aber schnell nachzugeben scheint.

Tropfen werden getrocknet, beim Café Seeblick wird reingeschaut, Small Talk im ver­waschenen norddeutschen Dialekt geführt. "Wie haben die Deutschen gestern gespielt?" – "3 : 0." – "3 : 0, super, wow, cool. War Viertelfinale?" – "U21." – "Bitte noch ein Pils!"

© Hannes Jung für DIE ZEIT

10.30 Uhr: Unterm Beck’s-Sonnenschirm, da kann man sich gut fragen, ob dies theoretisch auch Italien sein könnte, würde eine andere Sprache gesprochen. Woran es liegt, dass die Ohlenstedter Quellseen zwar einen Maritimsee, aber wenig Maritimes haben. Ob es damit zu tun hat, dass hier graue Cargo­hosen statt dunkelblauer Leinenhosen getragen werden, oder damit, dass hier niemals jemand Kokosnüsse verkaufen und "Coccooo! ­Cocco bellooo!" rufen würde.

Ideale Gelegenheit, um sich außerdem zu fragen, woher überhaupt diese riesige, arrogant machende Italienverklärung kommt.

Aber sich bei der steigenden Hitze um Antworten bemühen?

Lieber sich – 11 Uhr, 12 Uhr, 13 Uhr – in der Zeit verlieren. In privaten Dingen, die man sich erzählt, 26, 27, 28 Grad, am See ist man ja selten allein. Vielleicht ist man mit seinem Freund da, und der vielleicht hier aufgewachsen, ein Osterholz-Scharmbecker, der sagt, zurück auf dem Handtuch, die Augen abgeschirmt: "Da drüben hat man früher die Fahrräder an die Birken gelehnt, die sind jetzt weg, wohl gefällt worden. Man hat gebadet, Pommes gegessen, rumgehangen und vielleicht noch den kicker gelesen." Und weil Seen oft Erinnerungen mitschwemmen, redet man als Nächstes vielleicht über Jugendfreundschaften, die über Strand- und Disco-Freundschaften nicht hinausgingen. Die Kleinstadtfreundschaften waren, bis zum Ende der Schulzeit hielten und mehr zum Zweck als aus Verständnis für­ein­an­der geführt wurden. Die einen natürlich trotzdem geprägt haben, schließlich hat man mit Tim aus der 5 a Sticker getauscht und mit Julia aus der 9 b das erste Mal zu viel Bier probiert.

"Hast du zu deinen Schulfreunden noch Kontakt?" Was sie auf diese Frage später mal antworten, können viele am Quellsee erst ahnen – nachmittags, gegen 14 Uhr, wenn es so heiß ist, dass man auf dem Bauch dösend vergessen hat, wo man liegt. Wenn die Sonne dermaßen auf den Nacken prallt, dass dies womöglich doch Italien sein könnte, man sich auf den Rücken dreht, um vom Dämmer­zustand zur Wirklichkeit zurückzufinden. Und plötzlich ist der See voll. Laut. Trüb.

Die Jungs- und Mädchencliquen sind da.

"Wie kann man nur mit so ’nem Tanga rumlaufen?"

"Platschek, wir wissen, dass du viel Platz brauchst."

"Pommes! Pommes! Pommes!"

"Ich wette, an der Frittenbude gibt es nichts, was nicht krebserregend ist."

"Und wo sind hier die Nackten?"

© Hannes Jung für DIE ZEIT

Zwei muskulöse Männer stehen ne­ben­ein­an­der und spannen ihre Armmuskeln an. Auf den pinkfarbenen Shorts einer Frau glitzern vier Versalien, SEXY. Jugendliche haben ein Volleyballnetz mitgebracht, irgendwo treibt ein Einhornschlauchboot, Fliegerbrillen werden aufgesetzt, Brüste beim Eincremen festgehalten, links sagt jemand: "Sind einfach total andere Leute hier, nicht so viele Südländer." Rechts sieht eine auf ihren Badeanzug runter und stöhnt. "Echt mal, dieser Bauch."

Ein Hauch von Berliner Prinzenbad erreicht Osterholz-Scharmbeck. 15 Uhr, und scheint die Sonne oben lang und heftig, wird es unten auch mal radikal.

"Ey, Bademeister, er hat mich geschlagen!"

"Wir haben die in der Schule immer ›Pferde­arsch‹ genannt."

Man kann jetzt teilhaben am Leben Fremder, an intimen Körpersorgen bei gleichzeitigem Bedürfnis, den Körper zu zeigen. "Wenn mein Bauch flach wäre, würde ich ihn nicht einziehen." Larissa ist mit ihren Freundinnen Jana und Angelina da, sie sind Anfang 20 und aus Bremerhaven. In Bremerhaven gebe es wenig zu erleben, sagen sie, und trotzdem seien sie froh, hier am See ihre Ruhe zu haben, oder? Also: irgendwie. Sie reden über das Gefühl, in ihren Berufen nicht ernst genommen, oft für Praktikantinnen gehalten zu werden, "wozu macht man denn eine Ausbildung", "wozu lernt man denn Abläufe". "Wieso können so viele Kunden eigentlich nicht ›Hallo‹ sagen?"

Dann geht es um die Liebe. Schwierig, nicht nur in Bremerhaven. Angelina: "Das ist doch die totale Reizüberflutung mit den ganzen Flirt-Apps." Larissa: "Ein Mann muss nur einmal durch Insta­gram scrollen und kriegt zehn nackte Frauen angezeigt." Angelina: "Männer können heute mit jeder Frau schlafen, mit der sie wollen." Larissa: "Frauen sind aber auch schlimm geworden." Angelina: "Meine Mutter hat mir da andere Werte beigebracht. Ich glaube, es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass sich niemand mehr binden will." Larissa: "Ich würde gern aufs Dorf ziehen." Angelina: "Was?" Larissa: "Ja, in Stadtnähe. Ich würde auch lieber in der Zeit meiner Oma leben, da war vieles anders."