Jana, mit halb ernstem Blick: "Also, ich hab alle Hoffnung aufgegeben."

Larissa, mit Marlboro Menthol: "Wir sind voll die Heulsusen."

16 Uhr: "Attackeeee!"

17 Uhr: Ein kleines Mädchen sagt: "Ich will nicht schwimmen, da werden meine Haare nass."

18 Uhr: Abendbrotzeit im Bremer Umland. Matte Zeit für alle, vor allem für die Seen. In ihnen schwimmen Schweißfilme, Sonnenmilch und Urin, sie wurden mit Poolnudeln geschlagen, von Ruderbooten und Surfbrettern überfahren, mit Bällen und nassem Sand beworfen, getreten und bespuckt. So ein See muss abends fertiger sein, als die Jungs es sind, die jetzt noch am Rand sitzen und sich vom samstäglichen Feiern erholen. "Als ob jemand freiwillig eine Wodkaflasche ausgegeben hätte", sagt einer, dann sagt lange keiner mehr was, aber was gibt es an einem Sonn­tag­abend auch groß zu reden? Bei den Aussichten – jetzt noch heim, schnell was essen, duschen, vor die Glotze. Und morgen geht das Ganze von vorne los.

Diese Enttäuschung, die am Ende eines See­tages liegt.

Als dauere es ewig bis zum nächsten.

Als höre der Sommer jetzt und für immer auf.

Um 20 Uhr schwimmt das ältere Paar, das aussieht, wie "glücklich zusammen älter geworden" aus­sehen muss. Sie, Karin Ueberschaer, mit grauen, kurzen Haaren, sagt, dass sie als Kind bereits hier baden war. Er, Michael Reints, mit grauen, langen Haaren, sagt, dass sie letztes Jahr aus Bremen hergezogen sind. Nicht direkt an eine Badestelle, abseits vom Lärm. Wie viel Anpassung die Stadt ihnen abverlangt habe, hätten sie erst allmählich gemerkt, sagen sie – an den Seen fühlten sie sich freier, auch wenn sie sich jetzt mit den Nachbarn vertragen müssten. Aber gut, gehen sie eben manchmal rüber. "Du, wie sieht’s denn bei dir mit der Heizung aus?"

© Hannes Jung für DIE ZEIT

Um 21 Uhr kann man in Ruhe Kniffel spielen. Dann ist es fast, als habe es den Tag nicht gegeben. Die Rasensprenger laufen, die Mücken fliegen. Ein paar Krähen picken im Sand nach Pommesresten. Friedhelm Fäsenfeld, 79 Jahre alt – der vorhin, zur Prime­time, zwischen Menschen, Tüten, Polyesterschirmen und Einweggabeln die leeren Pfandflaschen eingesammelt hat –, steht nun mit einer Fernsteuerung am Ufer und lässt ein Modellsegelboot übers Wasser gleiten. Es ist eines von vielen, die er besitzt, sagt Fäsenfeld. Er habe auch mal eines für 300 Euro bestellt und deshalb Ärger mit seiner Frau bekommen. "Die erste Stunde war die schlimmste."

Wie ein Junge guckt er seinem Boot nach. "Wie sich das dreht und gegen den Wind legt!"

Er freut sich, sagt er, wenn die jüngeren Leute am See mit ihm reden. Gerade im Alter müsse man doch neugierig sein.

Er freut sich, sagt er, wenn sie ihren Müll wegräumen, sein Zuhause sauber halten. Fäsenfeld kommt vom einen zum Nächsten: vom See, der ihm Sorgen bereitet, "das Wasser sinkt seit einem Jahr", zu den Zukunftsressourcen, an die er glaubt, "Wasserkraft und Batterie – oder?". Fäsenfeld erzählt von Kameras, Leicas, Sonys, von den Söhnen und seiner Frau. Er findet, Paare sollten zusammenbleiben, wenn es irgendwie geht, "das Leben ist ja doch auch ernst".

Dann, kurz vor 22 Uhr, bevor am Eingang die Kasse schließt, bevor ringsum die Seen schließen, holt Fäsenfeld noch ein anderes Modellboot aus seiner Hütte: weiß und mit hölzernem Deck. "Das macht Musik, wenn es fährt", sagt er, als es bereits über die Wellen schippert und dabei so sanft durchs seichte Wasser treibt, als könnten Boote keine Hindernisse rammen. Als gäbe es keine Hindernisse, nicht an diesem Tag.

Fäsenfeld fasst sich ans Ohr, er lauscht der Musik. Dann zeigt er rüber zu seinem Boot.

"Schön, oder?"

Es spielt die Titelmelodie vom Traumschiff.

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