"Ihr seid keine Menschen" – Seite 1

Gut 350 Kilometer sind es entlang des Ili-Flusses von der chinesischen Grenze bis nach Almaty. Kasachstans bevölkerungsreichste Stadt, zwei Millionen Einwohner groß, ist zum Zufluchtsort geworden für ethnische Kasachen aus der chinesischen Provinz Xinjiang. Mehr als eine Million Kasachen mit chinesischer Staatsbürgerschaft leben in der Volksrepublik, die meisten von ihnen sind Muslime. In Xinjiang werden sie ähnlich verfolgt wie die rund elf Millionen Uiguren und Angehörige anderer muslimischer Turkvölker: Bis zu 1,5 Millionen Menschen werden nach Schätzungen von Menschenrechtsaktivisten und unabhängigen Forschern in sogenannten Umerziehungslagern festgehalten. Laut chinesischer Regierung dient die Masseninhaftierung dem Anti-Terror-Kampf gegen islamistische Separatisten, die in den vergangenen Jahren Anschläge in Xinjiang verübt haben. Augenzeugenberichte und unabhängige Forschungen legen aber nahe, dass es Peking vor allem um die ideologische Unterwerfung und Zwangsassimilierung muslimischer Minderheiten geht.

Die ZEIT hat in Almaty ehemalige Gefangene und Angehörige von Inhaftierten interviewt. Die kasachische Regierung hält sich mit Kritik an Peking zurück: Präsident Nursultan Nasarbajew zählt auf chinesische Investitionen bei der Seidenstraßen-Initiative und macht Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Freilassung der inhaftierten Volkszugehörigen in China engagieren, das Leben schwer. Allenfalls hinter den Kulissen setzen sich kasachische Diplomaten für deren Freilassung ein. Viele ehemalige Häftlinge haben in den vergangenen Jahren an einem Rücksiedlungsprogramm der kasachischen Regierung teilgenommen; den Behörden in Xinjiang sind längere Aufenthalte im Ausland oder Kontakte zu Verwandten ein Dorn im Auge, eine verdächtige Chat-Nachricht kann bereits zur Festnahme führen. Wie viele ethnische Kasachen in Xinjiang festgehalten werden, ist unbekannt.

Kasachen

Quelle: Adrian Zenz © ZEIT-Grafik

Gulsija Mogdin, 38

"Ich komme aus einem Dorf in der Region Altay, gelegen an einem See zwischen Bergen und Wäldern. Meine Familie bewirtschaftete dort 13 Hektar Land. Wir hatten Kamele, ein paar Dutzend Rinder, vier Pferde und etwa 50 Ziegen. Alle Menschen in unserem Dorf sind ethnische Kasachen und Muslime. Die meisten waren nie besonders religiös, ich auch nicht. Die Regierung mischte sich nicht in unser Leben ein, solange wir das Gesetz achteten. Im Frühjahr 2017 änderte sich alles. Es fing an mit Fahnenzeremonien, die jeden Montagmorgen auf dem Gemeindeplatz abgehalten wurden. Wer dreimal nicht erschien, musste mit Ärger rechnen. Vor jedem größeren Geschäft oder Teehaus wurden Checkpoints aufgestellt. Die arbeitslosen Jugendlichen im Dorf bekamen Uniformen und Waffen. Sie waren nun die Hilfspolizei: Auf den Märkten durchsuchten sie unsere Taschen. Meldete jemand etwas Verdächtiges, eilten sie sofort heran. Nachts patrouillierten Polizeiautos durch jede Straße. Wenn sie an dir vorbeifuhren, durfte sich niemand bewegen.

Mein erster Ehemann war 2014 nach einem Unfall gestorben. 2017 heiratete ich wieder, einen kasachischen Händler, den ich in Xinjiang kennenlernte. Im Sommer zog ich mit meinem Sohn und meinen zwei Töchtern nach Almaty hinter der Grenze. Wir heirateten auf dem Land, mit einer traditionellen kasachischen Zeremonie. Im Herbst fuhr ich nach China zurück, um die Tiere meines ersten Mannes zu verkaufen. Als ich am 2. November wieder nach Kasachstan einreisen wollte, kontrollierte die chinesische Grenzpolizei mein Handy. In Kasachstan kommunizierte ich mit meinem neuen Mann per WhatsApp. WhatsApp ist aber in China gesperrt. 'Wir haben verbotene Apps auf deinem Handy gefunden', sagte der Beamte. 'Wir müssen gegen dich ermitteln.' Sie konfiszierten meinen Pass. Ich fuhr in mein altes Heimatdorf zurück und musste warten. Am 20. Dezember bemerkte ich, dass ich im vierten Monat schwanger war. Ich ging zur Polizei und sagte: 'Ich muss nach Kasachstan zurück, ich erwarte ein Kind.' Sie sagten: 'Nein.' Am 26. Dezember brachte ein Streifenwagen mich zur Untersuchung ins Krankenhaus. 'Du hast schon drei Kinder. Du brauchst keine vier', sagten sie. 'Aber der Vater des Kindes ist Ausländer. Er ist Kasache.' – 'Das spielt keine Rolle. Du bist Chinesin', antworteten sie.

Ich rief meinen Bruder an und bat ihn um Hilfe. 'Wenn deine Schwester nicht gehorcht, trägst du auch Verantwortung', sagten die Beamten zu ihm. Jeder in Xinjiang weiß, was das bedeutet. Mein Onkel war drei Monate zuvor spurlos verschwunden. Am 1. Januar 2018 schickte die Familienplanungsbehörde einen Krankenwagen und drei Polizisten. Sie fuhren mich ins Krankenhaus, dort wurde ich unter Narkose gesetzt. Die Beamtin von der Familienplanungsbehörde sagte: 'Das ist nicht meine Entscheidung, ich kann leider nichts für dich tun.' Nach der Abtreibung wachten fünf Beamte eineinhalb Monate lang vor dem Haus meines Bruders. Im Mai bekam ich meinen Pass wieder und durfte nach Kasachstan zurückfahren. Mein Bruder wurde trotzdem abgeführt, er saß später elf Monate in einem Umerziehungslager."

Wie viel China für innere Sicherheit ausgibt

(pro Kopf in Tausend Yuan)

Quelle: Adrian Zenz © ZEIT-Grafik

Gulsira Auelchan, 39

"Du darfst nicht sprechen. Du darfst nicht lachen. Du darfst nicht weinen. Du darfst dich mit niemandem anfreunden. Bei manchen von uns hatten sie das arabische Grußwort Salam alaikum in WeChat-Unterhaltungen gefunden. Den Koran oder die türkische Flagge. Andere hatten zu Hause einen Hidschab getragen oder ihre Gebetsmatten nicht gut genug versteckt. Ich habe den Fehler gemacht, 2017 nach China zurückzukehren, um meinen kranken Vater zu besuchen. Seit 2014 lebe ich mit meinem Sohn und meinem Mann in Kasachstan. Mein Vater ist über siebzig und gelähmt. Mein Wunsch war, ihn ein letztes Mal zu sehen. Im Juli 2017 überquerte ich die Grenze bei Chorgos. Der Polizist schaute sich meine Papiere an und sagte: 'Du warst in einem Land, das auf der schwarzen Liste steht.'

"Erzähl drüben nichts von deiner Zeit hier"

Gulsira Auelchan mit ihrer Tochter © Xifan Yang für DIE ZEIT

Ich musste bleiben. Mein Gepäck und mein Handy wurden mir abgenommen. Ein Wagen brachte mich in eine alte Militärschule, ein zweistöckiges Gebäude. Ein Umerziehungslager für Frauen mit 800 Gefangenen zwischen 17 und 60 Jahren. Wir mussten rote Uniformen tragen, um fünf Uhr in der Früh schrillte ein Pfeifen durch die Gänge. Jeden Morgen sangen wir 'Ohne die Kommunistische Partei kein neues China'. Dreimal in der Woche wurde ich verhört, in Handschellen: 'Bist du in Kasachstan regelmäßig in die Moschee gegangen? Hast du Verwandte in der Türkei oder in Deutschland? Liest du den Koran?' Die Protokolle musste ich mit meinem Fingerabdruck signieren. Die Kasachinnen unter den Wärterinnen waren oft rüder als die Chinesinnen. Es gab nur vier Toiletten im Hof für 800 Gefangene. Wenn du länger als zwei Minuten brauchtest, schlugen dich die Wärterinnen mit einem elektrisch geladenen Stock.

Viele sind wahnsinnig geworden. Sie schrien und rissen ihre Haare aus. Eine Frau schrieb heimlich Gedichte und versteckte sie unter der Matratze. Andere fielen bewusstlos um. Diese Frauen wurden in andere Lager gebracht. Ich wollte mich mehrere Male umbringen, aber wusste nicht, womit. Wenn Inspekteure zu Besuch kamen, gaben die Wärterinnen uns Haarfärbemittel. Wir mussten uns hübsch machen und unsere Zimmer mit Blumen schmücken. Wurden wir gefragt, erzählten wir, wie gut es uns ging. Nach drei Monaten wurde ich in ein neues Lager gebracht und im Sommer drauf in ein drittes. Am 5. Januar 2019 bekam ich meinen Pass zurück und wurde an die kasachische Grenze gefahren. 'Erzähl drüben nichts von deiner Zeit hier', warnte mich der Beamte. 'Sonst werden deine Verwandten dafür büßen.'"

Jerschan Kurman vor seinem Haus am Rande von Almaty © Naubet Bisenov für DIE ZEIT

Jerschan Kurman, 41

"Am Abend des 8. Februar 2018 holten sie mich in einem Minibus ab. Das Umerziehungslager liegt im Landkreis Yining nahe der chinesisch-kasachischen Grenze, wo genau, weiß ich nicht. Es war bereits dunkel, sie stülpten schwarze Plastiksäcke über unsere Köpfe, Handschellen wurden uns angelegt. Mit mir im Bus saßen fünf andere junge Männer aus meinem Dorf. Wir wurden in ein Gebäude geführt, im Inneren nahmen sie die Säcke von unseren Köpfen. Der Raum, in dem ich die nächsten neun Monate verbringen musste, lag im dritten Obergeschoss und war fünf mal fünf Meter groß. Auf dem Türschild stand 'Nr. 12'. Allein auf unserer Etage waren 260 Männer untergebracht. In meinem Zimmer waren wir zwölf. Später hörte ich, dass in unserem Lager mehr als 10.000 Männer inhaftiert waren.

Die Toilette war ein Eimer am Fenster, es gab kein fließendes Wasser. Tagsüber saßen wir in Reihen auf Plastikstühlen. Essen wurde uns durch einen Schlitz in der Tür gereicht. Morgens um sieben mussten wir die chinesische Nationalhymne singen, danach hatten wir drei Minuten fürs Frühstück. Anschließend lernten wir Chinesisch bis um 21 Uhr. Unsere 'Lehrer' waren Kasachen oder Uiguren. Im Zimmer wachten vier Kameras darüber, dass wir nicht miteinander sprachen. Wer dagegen verstieß, musste in Handschellen an der Wand stehen. 'Ihr habt kein Recht zu sprechen, denn ihr seid keine Menschen', sagten die Wärter. 'Wärt ihr Menschen, wärt ihr nicht hier.'

Ich bin ein normaler Bauer und habe noch nie das Gesetz gebrochen. Bis heute weiß ich nicht, warum ich im Lager war. Die ersten beiden Monate dachte ich an meine Frau Maynur und meine drei Kinder. Irgendwann dachte ich nur noch an Essen. Nach neun Monaten, am 3. November 2018, wurde ich entlassen. Sie schickten mich in eine Fabrik, in der Handschuhe aus Leder und Fleece produziert wurden. 53 Tage arbeitete ich am Fließband, für insgesamt 300 Yuan (36 Euro). Meine Frau hatte es in der Zwischenzeit geschafft, einen kasachischen Pass für sich und unsere Kinder zu beantragen. In Almaty erzählte sie den kasachischen Behörden und Menschenrechtsaktivisten von meinem Fall. Am 20. Januar 2019 bekam ich meine Papiere zurück. Einen Tag später konnte ich nach Kasachstan ausreisen."

Schadira Ascherbek und ihr Bruder mit einem Familienfoto © Xifan Yang für DIE ZEIT

Schadira Ascherbek, 32

"Mein Bruder Nabigali wird dieses Jahr 48 Jahre alt. Seit März 2018 haben wir nichts mehr von ihm gehört. Wir stammen aus der Kleinstadt Nalati im Westen Xinjiangs. Mein Bruder war dort ein angesehener Imam in seiner Gemeinde. Er hat den großen blauen Dom der Moschee in Nalati mit Spenden renoviert, er engagierte sich in der Kommunistischen Partei. Mein Bruder war Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz in Xinjiang, er war Mitglied des Volkskongresses unserer Präfektur. Als er jung war, saß er im Nationalen Jugendkomitee. Es gibt sogar ein Foto von Nabigali, aufgenommen vor einigen Jahren, auf dem er auf einer Parteisitzung die Hand von Chen Quanguo schüttelt, dem Parteisekretär von Xinjiang. Wie kann es sein, dass einem Mann wie ihm Terrorismus vorgeworfen wird?

Wir haben von Verwandten gehört, dass er im vergangenen März von maskierten Beamten abgeholt wurde. Später verurteilte ihn ein Gericht ohne Prozess zu drei Jahren Gefängnis. Seither rufen wir regelmäßig in China an, beim Amt für öffentliche Sicherheit und auf der Polizeistation des Landkreises. Aber niemand gibt uns Antworten, niemand sagt, in welches Gefängnis sie ihn gebracht haben. Meine Schwägerin und die 15-jährige Tochter leben immer noch in Xinjiang. Über WeChat halten wir Kontakt, alles, was sie uns sagen können, ist: 'Dank der Fürsorge der Partei leben wir in Sicherheit. Alles ist gut. Macht euch keine Sorgen.' Meine Schwägerin musste ihre Ziegen verkaufen, weil sie sich nicht mehr um die Tiere kümmern konnte. Die Moschee in Nalati, die mein Bruder mit aufgebaut hat, wurde inzwischen zerstört."

Mitarbeit: Naubet Bisenov