Gulsira Auelchan mit ihrer Tochter © Xifan Yang für DIE ZEIT

Ich musste bleiben. Mein Gepäck und mein Handy wurden mir abgenommen. Ein Wagen brachte mich in eine alte Militärschule, ein zweistöckiges Gebäude. Ein Umerziehungslager für Frauen mit 800 Gefangenen zwischen 17 und 60 Jahren. Wir mussten rote Uniformen tragen, um fünf Uhr in der Früh schrillte ein Pfeifen durch die Gänge. Jeden Morgen sangen wir 'Ohne die Kommunistische Partei kein neues China'. Dreimal in der Woche wurde ich verhört, in Handschellen: 'Bist du in Kasachstan regelmäßig in die Moschee gegangen? Hast du Verwandte in der Türkei oder in Deutschland? Liest du den Koran?' Die Protokolle musste ich mit meinem Fingerabdruck signieren. Die Kasachinnen unter den Wärterinnen waren oft rüder als die Chinesinnen. Es gab nur vier Toiletten im Hof für 800 Gefangene. Wenn du länger als zwei Minuten brauchtest, schlugen dich die Wärterinnen mit einem elektrisch geladenen Stock.

Viele sind wahnsinnig geworden. Sie schrien und rissen ihre Haare aus. Eine Frau schrieb heimlich Gedichte und versteckte sie unter der Matratze. Andere fielen bewusstlos um. Diese Frauen wurden in andere Lager gebracht. Ich wollte mich mehrere Male umbringen, aber wusste nicht, womit. Wenn Inspekteure zu Besuch kamen, gaben die Wärterinnen uns Haarfärbemittel. Wir mussten uns hübsch machen und unsere Zimmer mit Blumen schmücken. Wurden wir gefragt, erzählten wir, wie gut es uns ging. Nach drei Monaten wurde ich in ein neues Lager gebracht und im Sommer drauf in ein drittes. Am 5. Januar 2019 bekam ich meinen Pass zurück und wurde an die kasachische Grenze gefahren. 'Erzähl drüben nichts von deiner Zeit hier', warnte mich der Beamte. 'Sonst werden deine Verwandten dafür büßen.'"

Jerschan Kurman vor seinem Haus am Rande von Almaty © Naubet Bisenov für DIE ZEIT

Jerschan Kurman, 41

"Am Abend des 8. Februar 2018 holten sie mich in einem Minibus ab. Das Umerziehungslager liegt im Landkreis Yining nahe der chinesisch-kasachischen Grenze, wo genau, weiß ich nicht. Es war bereits dunkel, sie stülpten schwarze Plastiksäcke über unsere Köpfe, Handschellen wurden uns angelegt. Mit mir im Bus saßen fünf andere junge Männer aus meinem Dorf. Wir wurden in ein Gebäude geführt, im Inneren nahmen sie die Säcke von unseren Köpfen. Der Raum, in dem ich die nächsten neun Monate verbringen musste, lag im dritten Obergeschoss und war fünf mal fünf Meter groß. Auf dem Türschild stand 'Nr. 12'. Allein auf unserer Etage waren 260 Männer untergebracht. In meinem Zimmer waren wir zwölf. Später hörte ich, dass in unserem Lager mehr als 10.000 Männer inhaftiert waren.

Die Toilette war ein Eimer am Fenster, es gab kein fließendes Wasser. Tagsüber saßen wir in Reihen auf Plastikstühlen. Essen wurde uns durch einen Schlitz in der Tür gereicht. Morgens um sieben mussten wir die chinesische Nationalhymne singen, danach hatten wir drei Minuten fürs Frühstück. Anschließend lernten wir Chinesisch bis um 21 Uhr. Unsere 'Lehrer' waren Kasachen oder Uiguren. Im Zimmer wachten vier Kameras darüber, dass wir nicht miteinander sprachen. Wer dagegen verstieß, musste in Handschellen an der Wand stehen. 'Ihr habt kein Recht zu sprechen, denn ihr seid keine Menschen', sagten die Wärter. 'Wärt ihr Menschen, wärt ihr nicht hier.'

Ich bin ein normaler Bauer und habe noch nie das Gesetz gebrochen. Bis heute weiß ich nicht, warum ich im Lager war. Die ersten beiden Monate dachte ich an meine Frau Maynur und meine drei Kinder. Irgendwann dachte ich nur noch an Essen. Nach neun Monaten, am 3. November 2018, wurde ich entlassen. Sie schickten mich in eine Fabrik, in der Handschuhe aus Leder und Fleece produziert wurden. 53 Tage arbeitete ich am Fließband, für insgesamt 300 Yuan (36 Euro). Meine Frau hatte es in der Zwischenzeit geschafft, einen kasachischen Pass für sich und unsere Kinder zu beantragen. In Almaty erzählte sie den kasachischen Behörden und Menschenrechtsaktivisten von meinem Fall. Am 20. Januar 2019 bekam ich meine Papiere zurück. Einen Tag später konnte ich nach Kasachstan ausreisen."

Schadira Ascherbek und ihr Bruder mit einem Familienfoto © Xifan Yang für DIE ZEIT

Schadira Ascherbek, 32

"Mein Bruder Nabigali wird dieses Jahr 48 Jahre alt. Seit März 2018 haben wir nichts mehr von ihm gehört. Wir stammen aus der Kleinstadt Nalati im Westen Xinjiangs. Mein Bruder war dort ein angesehener Imam in seiner Gemeinde. Er hat den großen blauen Dom der Moschee in Nalati mit Spenden renoviert, er engagierte sich in der Kommunistischen Partei. Mein Bruder war Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz in Xinjiang, er war Mitglied des Volkskongresses unserer Präfektur. Als er jung war, saß er im Nationalen Jugendkomitee. Es gibt sogar ein Foto von Nabigali, aufgenommen vor einigen Jahren, auf dem er auf einer Parteisitzung die Hand von Chen Quanguo schüttelt, dem Parteisekretär von Xinjiang. Wie kann es sein, dass einem Mann wie ihm Terrorismus vorgeworfen wird?

Wir haben von Verwandten gehört, dass er im vergangenen März von maskierten Beamten abgeholt wurde. Später verurteilte ihn ein Gericht ohne Prozess zu drei Jahren Gefängnis. Seither rufen wir regelmäßig in China an, beim Amt für öffentliche Sicherheit und auf der Polizeistation des Landkreises. Aber niemand gibt uns Antworten, niemand sagt, in welches Gefängnis sie ihn gebracht haben. Meine Schwägerin und die 15-jährige Tochter leben immer noch in Xinjiang. Über WeChat halten wir Kontakt, alles, was sie uns sagen können, ist: 'Dank der Fürsorge der Partei leben wir in Sicherheit. Alles ist gut. Macht euch keine Sorgen.' Meine Schwägerin musste ihre Ziegen verkaufen, weil sie sich nicht mehr um die Tiere kümmern konnte. Die Moschee in Nalati, die mein Bruder mit aufgebaut hat, wurde inzwischen zerstört."

Mitarbeit: Naubet Bisenov