Der brasilianische Förster Rafael Fernandes ist in diesen Tagen ein zufriedener Mensch. Er kann dabei mithelfen, dass der bedrohte Regenwald wieder ein Stück größer wird. Anderthalb Autostunden nordwestlich der Megacity São Paulo leitet er ein Waldversuchszentrum, das die niederländische Bierfirma Heineken und ihre NGO namens SOS Mata Atlântica gemeinsam betreiben. Seit 2007 sind sie hier auf einer ehemaligen Kaffeeplantage, restaurieren ringsherum ein heruntergekommenes Waldstück und pflanzen neue Bäume an. "Zuletzt haben wir 206 zusätzliche Vogelarten gezählt", sagt Fernandes stolz, "und kürzlich wurde ein Puma gesichtet."

Fernandes ist in der Region rings um São Paulo keineswegs allein: Der dortige Regenwald, der sogenannte atlantische Wald mit seinen mindestens 8.000 ureigenen Tier- und Pflanzenarten, kehrt nach jahrzehntelangem Raubbau durch Kaffee- und Zuckerrohrfarmer zurück. Aus Daten des brasilianischen Forschungsinstituts Mapbiomas geht hervor, dass im Südwesten des Landes binnen 16 Jahren neuer Regenwald in der Größe von Belgien entstanden ist.

3.000 Kilometer weiter nördlich aber, im weitaus berühmteren Amazonaswald, sieht die Sache völlig anders aus. Im vergangenen Herbst gewann der frühere Militärhauptmann Jair Bolsonaro die Präsidentschaftswahl, und er verstärkte einen unheilvollen Trend. Seit Jahren schon marschieren Goldgräber, Holzfäller und Landwirte mit Kettensägen und Sattelschleppern in das größte zusammenhängende Biotop der Erde ein – und neuerdings werden sie dabei vom Präsidenten angefeuert.

Der bedrohte Wald

Quelle: globalforestwatch.org © ZEIT-Grafik

Bolsonaro hat sich in seinen Ansprachen immer wieder zu Goldgräbern und Holzfällern bekannt, aber er äußert sich abfällig über indigene Völker ("wie im Zoo") und die staatseignen Umweltschutzbeamten ("Strafzettelindustrie"). Am Amazonas wurde das wie eine Aufforderung verstanden, noch bevor er mit Dekreten die Gesetzeslage veränderte. Erst vor zwei Wochen machte der Mord am Häuptling des Waiãpi-Volks internationale Schlagzeilen. An einigen Orten sind Gebäude der Indianerschutz- und der Umweltschutzbehörde in Flammen aufgegangen, Unbekannte schossen in einem Abholzungs-Hotspot auf einen Behördenhubschrauber. Keine Woche vergeht mehr ohne Meldungen von Invasionen in Indianergebiete, von Vertriebenen oder gar Toten.

Ergebnis: Vorläufige amtliche Satellitendaten zeigen, dass im Juni das Tempo, mit dem am Amazonas Bäume gefällt werden, um 88 Prozent über dem des Vorjahresmonats lag, im Juli waren es sogar 212 Prozent. Aktuell liegt die Abholzungsrate bei drei Fußballfeldern pro Minute. Seit den Siebzigerjahren, als die Abholzung im großen Stil unter der Militärdiktatur (1964–1985) begann, sind etwa 20 Prozent des gesamten brasilianischen Amazonaswaldes verschwunden, eine Fläche, zweimal größer als Deutschland.

Brasilien - Jaír Bolsonaro bringt das Klima in Gefahr Der brasilianische Präsident Jaír Bolsonaro geht radikal gegen den Regenwald und seine indigene Bevölkerung vor. Das hat Auswirkungen auf den Klimawandel, erklärt Dagny Lüdemann.

Der Klimaforscher Carlos Nobre von der Universität São Paulo warnt davor, dass das nicht mehr lange einfach so weitergehen kann: In wenigen Jahren, nach weiteren drei bis acht Prozent Abholzung, könnte der Wald "unumkehrbar in eine sehr degenerierte Form von Savanne" umkippen. Sein empfindlicher und komplizierter Wasserhaushalt gerate durcheinander.

Besonders überraschend ist: Volkswirtschaftlich ergibt dieses Kettensägenmassaker gar keinen Sinn. Die Leute um Bolsonaro argumentieren sinngemäß so: Europäer und Nordamerikaner hätten seinerzeit ihre Urwälder geopfert und gegen Entwicklung eingetauscht. Und die Brasilianer sollten das nicht ebenfalls dürfen? Der Umwelt- und Minderheitenschutz halte ihr Land bloß auf. Das Agrobusiness sei einer der profitabelsten Wirtschaftssektoren, und der Staat müsse ihm endlich die Fesseln abnehmen und seine Expansion in den Norden erlauben.