Isidoro Abramowicz, 46

Ich komme aus einer lebendigen, aktiven Gemeinde in Buenos Aires. Unsere Synagoge zu Hause in Argentinien war sehr deutsch geprägt, auch musikalisch, mit Orgel und gemischtem Chor aus Männern und Frauen. Diese Wurzeln habe ich hier am Abraham Geiger Kolleg wiedergefunden: eine progressive Weltanschauung, aber tiefe Traditionsverbundenheit. Durch die Nazi-Zeit ging ja viel von der reichen Liturgie des Judentums verloren. Ich bin froh, dass ich als Student in Potsdam so exzellente Dozenten hatte, und stolz, dort jetzt die Kantorenausbildung zu leiten. Außerdem bin ich Kantor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, in der Synagoge Pestalozzistraße. Obwohl meine Großeltern aus Polen und Litauen fliehen mussten und mein Vater auf der Flucht geboren wurde, haben sie meine Entscheidung für Europa voll unterstützt. Von Antisemiten wurde ich in Deutschland noch nie angegriffen. Allerdings bin ich vorsichtig, wenn ich in der Öffentlichkeit hebräisch spreche oder Kippa trage.

Jasmin Andriani, 35

Rabbinerin zu werden war nicht mein Kindheitstraum. Meine Eltern sind eher säkulare Deutsch-Israelis, gingen aber in die Synagoge und schickten mich in den jüdischen Kindergarten. Bald war ich die Religiöseste zu Hause. Erst studierte ich Jura, aber immer mehr bewegte mich die Frage: Was kann heute noch allgemeingültige Wahrheit sein? Wegen meiner Predigten werde ich "grüne Rabbinerin" genannt, doch am meisten fasziniert mich die Weisheit der alten Schriften. Das Geiger Kolleg ist sehr debattierfreudig und lehrt: Es gibt nicht nur eine Art, das Judentum zu leben. Judenfeindlichkeit verletzt mich vor allem bei Politikern. Im Jüdischen Museum Berlin habe ich über 2000 Führungen gemacht, bei Schulbesuchen mit dem Museumsbus erlebte ich Antisemitismus überall im Land. Einmal wurden wir von Hunderten Schülern brüllend begrüßt: "Juden raus!" Meine Großeltern flohen aus Wien und Breslau nach Palästina – trotzdem liebe ich Deutschland. Aber ich möchte nur in meinem toleranten Viertel in Berlin leben.

Itamar Cohen, 36

Itamar Cohen © Gordon Welters für DIE ZEIT

Bei mir zu Hause herrschte keine Einigkeit in Glaubensfragen. Meine Mutter ist eine säkulare Israelin, geprägt von der linken Kibbuz-Bewegung. Mein Vater war ein orthodoxer Professor aus Marokko, geprägt von der Frömmigkeit Nordafrikas. Einig waren sich die beiden aber im Entsetzen über meine Idee, in Potsdam zu studieren. Warum Deutschland? Weil das Land nicht mehr dunkel und die AfD nicht in der Mehrheit ist. Weil ich an das Unwahrscheinlichste glaube, den Frieden. Weil ich ein Fan von Angela Merkel bin – und aus Israel wegwollte. Mir missfiel der Einfluss des nationalistischen Judentums und der orthodoxen Rabbinate. Dort wollte ich nicht Kantor werden. Als Musiker komme ich vom Punkrock, spiele Gitarre, komponiere am Rechner, liebe elektronische Musik. Für das Abraham Geiger Kolleg musste ich etwas Klassik nachholen, aber kann hier auch nordafrikanische Klänge aus der Synagoge meiner Kindheit einbringen. Hier fühle ich mich frei.

Max Feldhake, 30

Max Feldhake © Gordon Welters für DIE ZEIT

Als Jude wirst du in Deutschland nur zu zwei Themen befragt: Schoah oder Antisemitismus. Ich würde lieber mal sagen, was Juden für diese Gesellschaft geleistet haben. Deshalb lehne ich die Frage, warum ich trotz Judenfeindlichkeit ausgerechnet hier studiere, ab. Ich kam 2012 aus Phoenix, Arizona, weil wir nach der Wiedervereinigung viel von der Renaissance des Judentums hörten. Da wollte ich dabei sein. In meiner nichtreligiösen Gastfamilie in Dresden fühlte ich mich so wohl, dass ich bis heute in dieser schönsten Stadt der Welt lebe. Ja, ich weiß, die AfD! Aber waren Sie mal bei der jährlichen Menschenkette gegen rechts? Um die ganze Innenstadt und die Neue Synagoge herum! Ich komme aus einer Reformgemeinde, wie sie in den USA selbstverständlich sind und es vor dem Krieg auch hier waren. Heutige deutsche Gemeinden sind oft traditioneller. Dafür ist die jüdische Studentenschaft international. Am Geiger Kolleg pflegen sie eine Vielfalt, die die wahre Stärke der Juden ist. Denn Jüdischsein gibt es nur im Streit.