Seitdem ich vor Jahren als Philosophin in einem Krankenhaus mit Schwerkranken und Sterbenden gearbeitet habe, beschäftigt mich das Denken von Emmanuel Lévinas. Er weckt den Sinn für den verwundbaren Menschen. Er hat mein eigenes Denken auf den Weg gebracht, und heute möchte ich ihn im politisch aufgewühlten Frankreich der Gegenwart neu ins Gespräch bringen.

Dieser Philosoph, der im litauischen Judentum und mit der russischen Literatur groß wurde, dessen Familie von den Nazis ermordet wurde und der selbst fünf Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft verbracht hat, hat über Alterität nachgedacht: über die Andersartigkeit und den anderen Menschen, der uns herausfordert. Der Andere ist in den Augen von Lévinas nicht einfach ein Exemplar der Gattung Mensch, sondern er hat ein Antlitz, unverwechselbar. Erst in der Begegnung mit dem Anderen entsteht das Bewusstsein unserer selbst und unserer Freiheit.

Lévinas selbst denkt aus einer tiefen Unruhe heraus, denn es geht ihm – im Unterschied zu dem Religionsphilosophen Martin Buber – nicht darum, dass wir in schöner Symmetrie im Dialog mit einem Du, einem geschätzten Gegenüber stehen, für das wir uns öffnen. Sondern es geht ihm vielmehr darum, wie wir dem Anderen begegnen, der stört, weil er bedürftig ist: "Den Anderen anerkennen heißt einen Hunger anerkennen", schreibt er in seinem Hauptwerk Totalität und Unendlichkeit von 1961, dem großen philosophischen Widerspruch gegen das Werk Martin Heideggers. Und dann: "Den Anderen anerkennen heißt geben."

Für Lévinas war der Krieg der entscheidende Grund, so zu denken. Ich möchte diese Gedanken weiterführen: Für uns Heutige sind es die Erosion des Politischen in den Demokratien und die ökologische Gefahr, die Gewalt gegenüber dem nichtmenschlichen Leben, die uns vor die Frage stellen, wer sich um wen kümmert, wie wir uns für den Anderen öffnen, wer sich um das Lebendige sorgt und die Bedürftigkeit anerkennt, wenn die politischen Institutionen dazu nicht in der Lage sind oder sich verschließen. Lévinas zu lesen kann uns heute darin bestärken, der politischen Krise tapfer zu begegnen. Er hat in seiner Schrift Namenlos das Bild einer Hütte geprägt, der unser Bewusstsein ähnlich ist: einer "nach allen Winden offenen Laubhütte", in der die Menschlichkeit Obdach findet, wenn sich vertraute Werteordnungen als hinfällig erweisen.

Lévinas hat selbst nie über Medizin oder Krankheit geschrieben, doch er spricht von einer Verantwortlichkeit für die Mängel und den Mangel anderer, auch wenn wir ohne Schuld an ihnen sind. Er nennt es eine Schuldigkeit ohne Schuld. Sie zeigt sich nicht als Pflicht, sie existiert jenseits des Verpflichtenden. Wir Menschen, so legt Lévinas nahe, sind dafür verantwortlich, dass überhaupt Verantwortung übernommen wird, weil die Mitmenschlichkeit aller Existenz zugrunde liegt und also aller Freiheit des Subjekts vorausgeht. In diesem Sinne geht das Recht des anderen immer dem eigenen Recht voraus. Die Freiheit, meint Emmanuel Lévinas, existiere zuallererst als Verantwortung für den anderen. Ein Mensch zu sein heiße, zu wissen, dass die Freiheit in diesem Sinne immer in Gefahr ist.

Mit Lévinas, aber auch über ihn hinaus denke ich deshalb über die ethische Notwendigkeit nach, die Andersartigkeit neu zu entdecken und wertzuschätzen. Ich meine wie er, dass die Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit für die Wertschätzung des anderen bestimmend ist: Sie ist die einzige Gelegenheit, die wir haben, das Leiden anderer zu verstehen und uns für sie verantwortlich zu wissen. Das gilt, meine ich, auf neue Weise in der Krise der Demokratie: Weil die demokratischen Gesellschaften heute um ihre Funktionstüchtigkeit fürchten, ist es umso wichtiger, eine Ethik zu formulieren, die um die Verantwortung von Menschen für Menschen weiß. Lévinas’ Gedanke, sich zu öffnen für das Andere, das unser eitles Ich verstört, ist so aktuell, weil unter den Individualisten westlicher Gesellschaften, die in ihrer Verlassenheit angestrengt um Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit kämpfen, heute die Angst vor der eigenen Verwundbarkeit beunruhigend stark ausgeprägt ist. Ich meine, dass wir in der ungewissen Welt der Gegenwart unsere eigene Schutzlosigkeit auf bedrohliche Weise spüren und unsere Sterblichkeit fürchten.

Und ich denke, darüber hinaus: Erst der Sinn für die eigene Sterblichkeit öffnet uns für die gemeinsame Welt, und zwar auch jenseits des Menschen. Denn diese Sterblichkeit verbindet uns mit allen Lebewesen. Sie könnte uns für deren Sensibilität öffnen. Und damit auch für die eigene: Heute käme es darauf an, den Sinn für die Alterität im eigenen Inneren zu entwickeln, für die Zerbrechlichkeit des Lebendigen, die man allzu oft leugnet oder doch zu kontrollieren versucht. Im Körper begegnet sie uns als Schmerz und Erschöpfung, als Verwundung, als Pflegebedürftigkeit.

Die europäische Philosophie, in deren Zentrum die menschliche Autonomie durch Vernunft steht, macht gegenwärtig einem Denken der Verwundbarkeit Platz. Statt des stolzen Subjekts, das die Welt autonom gestalten konnte, rückt nun das verwundbare, leidende Individuum ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und während in politischen Bewegungen auf der Rechten die Abweisung des Anderen, des störenden Fremden und die aggressive identitäre Besinnung aufs Eigene zunehmen, gewinnt im philosophischen Denken die Entdeckung des kreatürlichen Menschen mit seiner Bedürftigkeit an Raum. Die europäische Zivilisation spürt, dass sie sich durch eine Politik der Abschottung selbst gefährdet, weil mit der Angst vor dem verstörenden Fremden auch die Empfindungsfähigkeit, das Mitleid, die Offenheit für das Unbekannte in Gefahr sind. Wenn wir aber Lévinas lesen, stärken wir den Sinn für die Bedürftigkeit des Lebendigen.