Warum sieht ein gut gegrilltes, noch nicht angeschnittenes Steak so braungrau hässlich, ja abstoßend aus, sobald man es fotografiert? Eine Frage, die früher nur die Profis der sogenannten Food-Photography interessierte, die Kochbücher, Essensmagazine und Werbung illustrieren. Heute beschäftigt das Problem alle, die zu Hause am Esstisch oder im Restaurant zunächst das Smartphone zücken, um das extrem vergängliche, in wenigen Minuten nicht mehr vorhandene Gericht festzuhalten, für die eigene Fotothek oder gleich für all ihre Follower in den sozialen Medien. Allein bei Instagram findet man heute 204 Millionen Bilder mit dem Hashtag #foodporn. Es sind dazu keine belastbaren Statistiken bekannt, aber das Fotografieren des Essens scheint hierzulande zumindest quantitativ das Tischgebet abzulösen.

Solche Fotos preisen das Handwerk der Kochenden und deren ästhetisches Gespür. Zugleich dokumentiert man damit den eigenen Geschmack bei der Wahl des Restaurants und natürlich des Gerichts. Das kennerhafte Reden über das Essen hat vielerorts das Gespräch über Musik, Kunst, Literatur, Kino ergänzt, wenn nicht verdrängt. In Passau etwa, wo man neuerdings syrisches Lamm-Walnuss-Kebab oder Shio Ramen mit zwölf Stunden lang gekochter Hühnerbrühe essen kann. Oder in Berlin, das noch vor zwanzig Jahren als kulinarische Total-Brache galt, wo sich in den vergangenen Jahren die Restaurants in erstaunlicher Weise vermehrt und spezialisiert haben, nun neben fermentiertem Kohl aus der Uckermark auch zypriotisch zubereitete Milch-Hühner und Ceviche von der Eismeerlachsforelle mit Kokos und Koriander anbieten. In der neuen Hauptstadt des verfeinerten Fressens widmet die Fotokunsthalle C/O Berlin derzeit eine ganze Ausstellung den Bildern vom Essen, und sie ist sehr viel interessanter, als der Titel Food for the Eyes vermuten lässt.

Die Kuratorinnen Susan Bright und Denise Wolff blicken in ihrer Ausstellung vor allem auf die lange Tradition des Abbildens von Essen. Nicht wenige Fotografen zitieren mit ihren Arrangements von Früchten und Mahlzeiten die seit dem späten 16. Jahrhundert gemalten Stillleben: Sharon Core rekonstruierte 2008 penibel die Gemälde des amerikanischen Malers Raphaelle Peale und wählte alte Apfel- und Birnensorten, die dieser auch schon vor 200 Jahren gegessen hatte. Auf Cores Fotos fault das Obst – Vanitas-Motiv! – also noch ganz wie damals.

Auch Holger Niehaus drapiert Grapefruits, Bananen und Orangen wie die alten Meister, doch leistet er sich einen kleinen Verfremdungseffekt. Er hat das Obst geschält, die Orangen leuchten also nicht orange, die Bananen nicht gelb, sondern zeigen sich nackt und blass.

Immer wieder stößt man in der Fotogeschichte des Essens auf kunsthistorische Verweise und Epochenmerkmale. So erinnert man sich beim Anblick der von Charles Jones um 1900 fotografierten Lauchstangen an Édouard Manets zwei Jahrzehnte zuvor gemaltes Spargelbündel, hingegen denkt man bei Paul Strands schwarz-weißem Stillleben einer Birne zwischen weißen Schüsseln von 1916 an den gemalten Kubismus aus dem damaligen Frankreich. Im wahrsten Sinne konstruktivistisch mutet Irving Penns spätere Komposition von rechteckigen Klötzen aus tiefgefrorenen Himbeeren, Blaubeeren, Aprikosen und Erbsen an.

Nicht selten haben Fotografen Gemüse und Obst wie Akte inszeniert, als Großmeister dieser erotischen Essensaufnahmen gilt Edward Weston. Er fotografierte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Paprikas wie nackte Körper, man glaubt Pobacken und verschränkte Schenkel zu entdecken. Für manchen prüden Sammler mögen diese eleganten Abzüge in tausend Schattierungen des Graus als Surrogat für Westons echte Akte gedient haben. Sehr viel direkter hingegen sind die Aufnahmen des für seine Bondage-Bilder bekannten Japaners Nobuyoshi Araki, der ein rot-grünes Stangengemüse oder ein ungekochtes Eigelb so feucht glänzend präsentiert, dass man hier wirklich von Food-Porn sprechen kann.

Ethnologisch relevant werden die Aufnahmen, wenn sie auch die Essenden abbilden. Die erwartungsvollen Gesichter der Menschen in einem Fast-Food-Lokal am Strand, die Martin Parr abgelichtet hat, oder die italienische Familie Manzo mit ihren vor der Kamera von Peter Menzel drapierten Essensvorräten für eine ganze Woche.

Die Lösung für das Fotografieren von gegrilltem Rindfleisch hat übrigens der Metzger und Gastronom Nusret Gökçe gefunden, der in der Ausstellung fehlt, aber durch ein kurzes, von ihm und dem Fußballer Franck Ribéry auf Instagram geteiltes Video weltweit bekannt wurde. Gökçe badete das Steak vor dem Servieren einfach in purem Gold. Die so fotogenisierte Speise soll 1200 Euro gekostet haben.

Zu sehen ist die Ausstellung bis zum 7. September.