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Der Sage nach versprach Dionysos, der Gott des Weines, einst König Midas, dass er ihm jeden Wunsch erfülle. Midas wünschte sich, es möge doch bitte alles zu Gold werden, was er berühre. Bald schon konnte er nichts mehr essen und trinken, und Midas erkannte, wie unheilvoll seine Macht war.

In der Türkei nun wird seit Wochen darüber debattiert, welches Unheil die Goldvorkommen im Land bergen. In der Nähe des antiken Troja und einer der schönsten Landschaften des Landes hat die kanadische Firma Alamos Gold mittlerweile damit begonnen, Gold abzubauen. Jüngste Luftaufnahmen aus diesem Paradies mit 283 Pflanzen- und 117 Insektenarten dokumentieren furchtbare Umweltzerstörungen.

Das Ida-Gebirge, türkisch Kazdağları, gab der Region früher Luft, Wasser und Leben. Jetzt ist es mit gerodeten Gipfeln eine Riesenbaustelle von 600 Hektar.

Umweltorganisationen erklären, statt der genehmigten 45.000 Bäume seien 200.000 abgeholzt worden. Die lokale Bevölkerung, die Kommune, Umweltorganisationen und Künstler leisten mit einer "Wasser- und Gewissensmahnwache" Widerstand, doch hinter dem Stacheldraht wird weiter abgeholzt. Umweltschützer beklagen, dass schon bald das Ökosystem und die Gesundheit der Anwohner massiv geschädigt sein könnten.

Zudem ist das Ida-Gebirge nur eines von vielen Hundert Bodenschatzlagern, für die Sondierungen gestattet wurden. Für insgesamt 3500 Hektar wurden auch anderen nordamerikanischen Unternehmen wie Newmont oder Teck Cominco Genehmigungen erteilt.

Experten sagen: Die erteilten Genehmigungen brächten der Wirtschaft keinerlei Vorteil, würden aber die Umwelt in eine Hölle verwandeln.

Neben der Rodung lösten auch die Statements von Alamos Gold Proteste aus. Geschäftsführer John McCluskey begründete gegenüber Bloomberg TV, warum seine Firma in der Türkei tätig sei: wegen der hohen Profitmarge, der Regierungssubventionen und weil die Türken so toll Steine transportieren könnten. Laut McCluskey investierte die Firma in den vergangenen neun Jahren rund 100 Millionen Dollar in der Türkei. Mit dieser "bescheidenen Investition" beutete sie bei den ersten Schürfungen rund drei Millionen Unzen Gold (im Wert von über 4 Milliarden Dollar) aus. Die Aussage des CEO, die Türken eigneten sich gut für den Abbau und Transport von Steinen, wurde als "Lob des Ausbeuters" empfunden.

Der Künstler Zülfü Livaneli ist seit zehn Jahren Unesco-Sonderbotschafter, jetzt rief er die Organisation zur Eilaktion auf: "Es handelt sich um einen Angriff auf das materielle und immaterielle Vermögen unserer Welt. Angesichts dieser Vernichtungsaktion gegen die Bevölkerung des Ida-Gebirges benötigen wir Ihre Hilfe."

2015 hatten die Einwohner in Cerattepe am Schwarzen Meer einen Prozess gegen Umweltzerstörung gewonnen, die damals ganz legal durch kanadische Unternehmen betrieben wurde. Nach dem Urteil erteilte die Regierung einer ihr nahestehenden Firma die Abbaugenehmigung – es kam zu Konflikten zwischen Bevölkerung und Gendarmerie, sodass die Armee eingreifen musste. Die Erdoğan-Medien behaupteten damals, hinter den Umweltschützern steckten deutsche Stiftungen. Erdoğans These lautete: Deutschland, das über einen großen Teil der Weltgoldreserven verfüge, obwohl es selbst nichts davon fördere, versuche, den Abbau des Edelmetalls in der Türkei zu verhindern.

Es ist lehrreich, zu sehen, wie Erdoğans "nationalistische Reflexe" nun erlahmen, wenn es um internationales Kapital und persönliche Rendite geht ...

Die Umweltschützer der Türkei zeigen großes Engagement für die Natur gegen raffgierige in- und ausländische Renditejäger. Daraus ergibt sich die Erkenntnis: Das Bewusstsein für den Schutz der Natur muss sich ebenso globalisieren wie jene, die unsere Erde aus Profitgier zerstören. Sonst werden wir wie König Midas erst dann begreifen, dass wir das abgebaute Gold nicht essen und trinken können, wenn die Natur zerstört ist.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe