Es war bei der Firmung eines Bekannten, bei der die Kölnerin wieder einmal dachte, dass ihr Kirchenaustritt die richtige Entscheidung war. "Der Bischof kommt herein mit seinem Gewand, mit seiner Mütze, verkörpert etwas Monarchisches. Die Messdiener vorneweg, die Diener stehen nachher am Altar." Später empfand sie es so, dass die Firmlinge "als Belohnung" zum Bischof herantreten durften. "Hierarchisch", gar "anachronistisch" kommt ihr in den Sinn, wenn sie an die Firmfeier zurückdenkt. Sie erinnert sich auf Anfrage des Kölner Theologen Werner Höbsch daran. Zusammen mit dem Pfarrer Franz Meurer führt er derzeit Interviews mit "religiös Heimatlosen", wie sie ihre ausgewählten Gesprächspartner nennen: ehemalige Kirchenmitglieder und solche, die sich mit dem Gedanken an einen Kirchenaustritt tragen.

Ihre Initiative erinnert ein wenig an die Online-Umfrage, die schon das Ruhrbistum Essen durchgeführt und 2018 in einer Studie vorgestellt hat. Daran hatten sich rund 3000 Katholiken beteiligt, die der Kirche schon den Rücken gekehrt hatten oder mit ihr haderten. Anlass waren die jährlich rund 4000 Kirchenaustritte, die das Essener Bistum bei knapp 800.000 Mitgliedern alarmiert hatten. Sie fügen sich in den allgemeinen Abwärtstrend, den die aktuelle Kirchenstatistik unlängst belegte. Demnach seien die Kirchenaustritte 2018 um fast 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen.

Im Erzbistum Köln traten 2018 etwa 18.500 Menschen aus der Kirche aus. Und wie das Bistum Essen wollen nun auch Höbsch und Meurer wissen, warum. Mit bislang acht Befragten, davon drei noch in der Kirche, haben sie zwar noch keine so große Datenmenge, wie sie der Essener Studie zugrunde liegt. Doch die Kölner befragen ihre Interviewpartner dafür persönlich, in 45-minütigen Gesprächen. Und wie sich zeigt, liegt in der persönlichen Begegnung mit Austrittskandidaten ein verborgenes Potenzial. Daran dürften auch die anderen Bistümer interessiert sein, schließlich haben die Diözesen allenthalben Zukunfts- und Erneuerungsprozesse in Gang gesetzt, um den zahlenmäßigen Schwund an Gläubigen wie Priestern zu managen.

Auch im Erzbistum Köln hat Kardinal Rainer Maria Woelki einen sogenannten Pastoralen Zukunftsweg ausgerufen, um der "Erosion des kirchlichen Lebens", wie er sagt, etwas entgegenzusetzen. In diesem Rahmen führen Höbsch und Meurer nun auch ihre Gespräche mit jenen, die bereits ausgetreten sind oder sich mit dem Gedanken tragen. "Jeder kennt ja solche Menschen", sagt Höbsch. Er musste nur in sein näheres Umfeld schauen, um an geeignete Gesprächspartner zu kommen. Und seitdem sich das Pilotprojekt dann allmählich herumgesprochen hat, kämen die Leute plötzlich von sich aus auf ihn zu und wollten mit ihm sprechen.

"Endlich fragt mich mal jemand von der Kirche." Der Satz sei vielfach gefallen, sagt Höbsch. In der Regel flattert ja auch nur ein vorgefertigter Brief von der Pfarrei, im Höchstfall mal vom Pfarrer ins Haus, wenn wieder einmal ein Gemeindemitglied seinen Austritt bei der zuständigen Behörde erklärt hat. Wie bedauerlich doch. Mit freundlichem Gruß. Das war’s dann.

Dass die Kirche an der Stelle Potenzial verschenkt, zeigt ebendiese Bereitwilligkeit, mit der die Interviewpartner von Höbsch und Meurer über ihr Hadern mit der Kirche gesprochen haben. Völlig gleichgültig – und das ist unter dem Strich die gute Nachricht – stehen die Austrittskandidaten der Kirche also nicht gegenüber. "Kirchen sind wichtig, und ich würde niemals sagen, wir brauchen keine Kirche", sagt eine Interviewte gar, und ihre Meinung passt zu allen bisher Befragten. Umso bedauerlicher, dass die Kirche sie einfach gehen lässt, lediglich ein Abschiedsschreiben verschickt, statt Modelle einer nachgehenden Pastoral zu entwickeln, bei der Menschen persönlich bei den Ausgetretenen nachhaken.

Unaufdringlich, ohne den falschen Anschein zu erwecken, die Leute zurückgewinnen zu wollen – so wie es Höbsch und Meurer nun projektweise getan haben. Und doch, räumt Höbsch ein, sei er sich anfangs ein bisschen wie der Hirte im Gleichnis vom verlorenen, weil verirrten Schaf vorgekommen. Aber: "Die Ausgetretenen sind keine verirrten Schafe", sagt der Theologe.