Ein besserer Mensch werden

Am Anfang war ich so, wie man als Kind und später als Jugendlicher halt so ist: Ich hatte nicht so den Plan, was ich will.

Meine Freunde haben in der katholischen Kirche als Ministranten gedient. Also habe ich mitgemacht.

Erst dadurch habe ich die Institution näher kennengelernt. Okay, dachte ich mir, das ist ja alles tatsächlich nicht schlecht. Religion, christliche Werte, das klingt doch gut. Auch Ausflüge und Feste waren immer wieder geplant – das gehörte zu meinem Alltag einfach dazu. Damals wie heute würde ich mich deswegen aber nicht als sehr gläubig bezeichnen. Ich hielt für sinnvoll, wofür die Kirche einsteht: Werte und Orientierung für die Menschen, die einen Halt für ihr Leben brauchen.

Dann kam das Ende meiner Ausbildung: Ich war jung, frisch fertig als Mechatroniker und brauchte Geld, um mir ein Leben aufzubauen. Da habe ich dann alle Ausgaben abgeklopft. 400 Euro Kirchensteuer! Pro Jahr! Dazu war ich nicht bereit. Ich bin ausgetreten. Das war im Dezember 2009, Adventszeit. Ich habe nur das Geld gesehen. Da bin ich, der kleine Mechatroniker. Und auf der anderen Seite die Kirche mit ihren riesigen Gebäuden, den Milliarden an Vermögen und den horrenden Gehältern für Würdenträger und Prachtbauten für Bischöfe.

Zu diesem Zeitpunkt bin ich ohnehin nur noch sehr selten in die Kirche gegangen. Als Ministrant war der Sonntag für mich Standard. Später besuchte ich den Gottesdienst nur noch zu Beerdigungen, an Weihnachten, Ostern und vielleicht noch Pfingsten.

Trotzdem war es noch einmal etwas anderes, als ich ausgetreten bin. Meine Eltern waren wütend. Sie hatten mich christlich erzogen und ich hatte ja auch alles mitgemacht, von der Kommunion bis zur Firmung. Wieso nur wollte ich dann austreten? Das verstanden sie nicht. Ich war ehrlich: Wegen des Geldes, habe ich ihnen gesagt. Dass ich kein ultrareligiöser Mensch bin, das wussten sie ja schon.

Vielleicht gehörte es zu meinem Reifeprozess, dass ich irgendwann umgedacht habe. Was bringt die Kirche, habe ich mich gefragt? Sie gibt Raum für Menschen, denen der Glaube hilft. Der Glaube wiederum kann dabei helfen, zu einem besseren Menschen zu werden. Außerdem: Mit meinem Austritt befördere ich ja den Niedergang des Christentums. Wenn es das aber nicht mehr gibt, würde dann nicht sehr viel mehr schieflaufen auf der Welt? Nicht nur wegen der Werte, auch wegen ganz praktischer Dinge wie Obdachlosenhilfe, der Spendenkollekte, kirchlichen Organisationen wie Misereor oder Caritas. Die Sache ist: Ich habe einen Job, ein festes Einkommen, ein Dach über dem Kopf und lebe in Sicherheit – eigentlich geht es mir verdammt gut. Wieso muss ich dann auf den paar Euro herumreiten? Weshalb soll ich mit diesem Geld nicht etwas Gutes tun, das Menschen hilft? Manche werden sagen, das Geld könne ich besser anlegen als in der Kirchensteuer. Möglich. Aber das muss jeder für sich entscheiden. Ich finde es lohnenswert, in die Kirche zu investieren.

Also bin ich im August 2018 in die Kirche zurückgekehrt. Wobei – nicht wirklich zurück: Ich bin auf mein Motorrad gestiegen und bin zur Wiedereintrittsstelle in Nürnberg gefahren. Jetzt bin ich seit dem 10. August 2018 evangelisch.

© privat

Das Konzept der evangelischen Kirche holt mich mehr ab als das der Katholiken: Priester dürfen heiraten, Frauen Pfarrer werden, einen Papst gibt es nicht. Die Hierarchien sind flach, Gleichberechtigung und Demokratie werden gelebt.

Der Missbrauchsskandal hat nichts mit meinem Konfessionswechsel zu tun. Aber er zeigt: Es läuft etwas schief bei den Katholiken. Wo Macht sich zentriert, wird sie missbraucht. Diese Strukturen gehören hinterfragt, sie sind nicht zeitgemäß. Gerade Riten wie den Zölibat? Abschaffen.

Philipp Pfülb (31), Veranstaltungstechniker, wuchs als Katholik in der Nähe von Würzburg auf. 2018 ist er zur evangelischen Konfession übergetreten.