Mein Vater ist ein alter Mann geworden. Ich sehe es ihm an, als er sich neben mich in die enge Sitzbank der kleinen Kirche in Kirch Rosin hievt.

Sein Haar ist grau geworden in den letzten Jahren. Rüdiger Kroll ist 65 Jahre alt. Alle nennen ihn hier Herrn Kroll. Mein Vater fällt auf mit seinen fast zwei Metern Körpergröße, seiner großen runden Brille, manchmal trägt er einen bayerischen Trachtenjanker. Untypisch für das kleine Dorf in der Nähe von Rostock, untypisch für Mecklenburg-Vorpommern.

In letzter Zeit verdichten sich die Hinweise, dass sich etwas im Leben meines Vaters verändert hat. Zuerst waren da die kryptischen Bemerkungen am Telefon. Er habe mitgeholfen, Äste und Laub auf dem Friedhof zusammenzutragen. Oder, dass er jetzt sonntags etwas vorhabe. Als wir uns das letzte Mal sahen, es war Weihnachten, sagte er: "Ich gehe wieder in die Kirche." Ich fand diesen Satz bemerkenswert, gerade in einer Zeit, in der immer mehr und mehr Menschen aus der Kirche austreten. Ich lese oft davon, dass Kirchen zu Veranstaltungsorten umgewandelt oder manchmal ganz dem Erdboden gleichgemacht werden.

Neben dem allgemeinen Trend spricht noch etwas gegen die plötzliche Kirchgängerschaft meines Vaters: Er war nie religiös, jedenfalls nicht, dass ich mich erinnern könnte. Nie waren wir Weihnachten gemeinsam in der Kirche. Wenn unsere Nachbarn ihre Häuser verließen, in ihr Auto stiegen und zum Gottesdienst fuhren, sagte mein Vater Sätze wie: "Ach, zum Glück bleiben wir hier, hier ist es gemütlich." Die Krolls blieben Predigt, harten Sitzbänken und Abendmahl fern. Saßen lieber stundenlang am Esstisch und redeten, tranken Wein. Mein Vater ist dann meistens gegen 22 Uhr mit einem kleinen Schwips auf der Couch eingeschlafen.

Irgendetwas muss sich also verändert haben in seinem Leben. Es muss einen Moment gegeben haben, da er sich gesagt hat, heute entscheide ich mich gegen das Ausschlafen und fahre in die Kirche. Diesen Moment gab es. Er nennt ihn "eine Schnapsidee, aber eine glückliche".

Um zu verstehen, warum es diese glückliche Schnapsidee gab, bin ich zu ihm gereist, in den hinterletzten Teil Deutschlands, ins "Heidenland", wie er scherzhaft sagt.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern liegt auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Dort wohnt mein Vater seit drei Jahren in seinem kleinen Dorf. Der Ort heißt Mühl Rosin und hat 1100 Einwohner. Ganz nah ist die Mecklenburgische Seenplatte. Wenn wir durch die Baumalleen in der Gegend fahren, sagt er oft, er finde, die Landschaft habe etwas Therapeutisches.

Nun will ich wissen, was sich bei ihm verändert hat. Was ihn zu einem disziplinierten Kirchgänger gemacht hat. Dazu haben wir uns verabredet. Da, wo er nun einige seiner Sonntagmorgen verbringt, in der Dorfkirche. Sie liegt in Kirch Rosin, einem zwei Kilometer entfernten Ortsteil von Mühl Rosin.

Trotz der Kirchenglocken, die zu Beginn des Gottesdienstes aus dem hölzernen Turm hinter dem Kirchengebäude läuten, höre ich meinen Vater atmen. Die Dorfkirche gibt sich schmucklos. Sie ist aus rotem Backstein gemauert. Im Innenraum ist es kalt. Die Wände sind gelb gestrichen. Von einer Wand schaut Moses in Terrakottafarbe auf die Gläubigen herab.