Beiruts Straßen sind an diesem Sonntag leerer als sonst, es ist heiß. Im Viertel Schatila lassen Häuser nur Platz für Gassen, es stinkt nach Abwasser. Schiefe Stufen führen zu Marwan und Samira* in den vierten Stock. Aus ihrem Wohnzimmerfenster blicken sie auf Mauern und andere Fenster, ab und an sind Nachbarn zu sehen. "Wir kennen sie nicht", sagt Samira.

Vor etwa drei Jahren sind Marwan, 40, und Samira, 36, mit ihren vier Kindern aus Idlib in den Libanon geflüchtet. Sie fühlen sich zunehmend fremd. Abschätzige Blicke. Erhobene Fäuste. "Geh zurück in dein Land", höre er oft, sagt Marwan. Vor einigen Tagen wurde ein Kontrollpunkt am Zugang zu ihrem Viertel aufgebaut, Wachposten verhafteten Arbeiter ohne Papiere. Was wird aus Marwan, dem Tischler ohne Arbeitserlaubnis?

Seit der Krieg vor fast acht Jahren Idlib erreichte, kämpfen Marwan und Samira darum, dass er ihre Familie nicht zerreißt. Bis jetzt haben sie es geschafft. Doch nun könnte ihnen ausgerechnet das Ende des Krieges gefährlich werden.

Kein Staat hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl, mehr Flüchtlinge aufgenommen als der Libanon. 2011 kamen die ersten Flüchtlinge aus Syrien, heute sind es mehr als eine Million – neben vier Millionen Libanesen. Doch nun sagt der Präsident des Libanons Michel Aoun, die Rückkehr syrischer Flüchtlinge könne "nicht von einer politischen Lösung (...) abhängig gemacht werden". Was so viel heißt wie: Sie sollen gehen, auch wenn Syriens Diktator bleibt.

Ende April brachten libanesische Behörden erstmals Syrer, die ohne Visum eingereist waren, zurück nach Syrien. Ein neues Gesetz erlaubt das, sofern die Betroffenen nach dem Stichtag 24. April 2019 unerlaubt die Grenze passiert haben. Am 1. Juli zerstörte die libanesische Armee 20 Behausungen von Flüchtlingen. Libanesisches Recht verbietet Flüchtlingen, Häuser aus Stein zu bauen – bauen heißt bleiben. Im ganzen Land durchsuchen neuerdings libanesische Beamte Baustellen und Restaurants nach Arbeitern ohne Genehmigungen. In Beiruts Bars kleben Zettel: "Libanesen für Arbeit gesucht".

Nach mehr als sieben Jahren "Flüchtlingskrise" sei das Land überlastet, argumentieren Verbündete von Libanons christlich-nationalistischem Präsidenten Aoun. Syrien hingegen sei weitgehend wieder unter Kontrolle der Regierung Assad. Der libanesische Außenminister und Schwiegersohn des Präsidenten, Gebran Bassil, meint, Syrer blieben nur im Libanon, weil sie hier Geld vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR bekämen.

Einen ähnlichen Stimmungsumschwung gibt es auch in anderen Ländern. Türkische Behörden führten im Juli erstmals Syrer zurück. Und in Europa mehren sich Stimmen, die dafür plädieren, wenigstens einige der Flüchtlinge sollten demnächst nach Syrien zurückkehren. Im Februar stufte Dänemark Syrien als "teilweise sicher" ein. Syrer bekommen dort nicht mehr bedingungslos eine Aufenthaltsgenehmigung. In Deutschland versuchte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im März, Ähnliches zu erreichen. Auch die Innenminister von Sachsen und Bayern plädierten dafür. Kanzler- und Außenamt lehnen das allerdings bislang ab.

Heimkehren – das klingt wünschenswert. Der Krieg in Syrien ist entschieden, wenn auch zugunsten des Diktators. Das Land wird wiederaufgebaut werden müssen. Warum also kehren bislang kaum Syrer zurück? Und wie begegnet man Staaten, die sie dazu drängen?

Marwan und Samira sind stolz darauf, dass sie es in den vierten Stock geschafft haben. Es ist Schimmel an der Wand, ja, "aber weil hier oben Wind weht, riecht man ihn nicht", sagt Samira. Im Libanon lebten sie zunächst in einem Zimmer: sechs Menschen, ein Klo, ein Herd. Jetzt kommen die Ältesten in die Pubertät. Dass sie ihnen etwas Privatsphäre bieten können, ist ihr jüngster Sieg in diesem Krieg.