Das Paar sitzt auf der Couch, die beiden erzählen zunächst nur zögerlich. Auch das sagt etwas über die Lage syrischer Flüchtlinge aus: Viele Familien sind inzwischen voller Angst. Wer weiß, ob syrische Geheimdienste ihnen so ein Interview mit einer europäischen Zeitung einmal zur Last legen können?

Als 2011 die Proteste Idlib erreichten, sahen sie am Fernseher zu. Sie hätten das Assad-Regime nie gemocht, sagen sie, aber demonstrieren gehen? Das konnten sie sich nicht vorstellen. "Die Sicherheit der Familie steht an erster Stelle", sagt Marwan.

Ein Cousin ging zur Armee, ein anderer zu den Rebellen; Verwandte und Freunde flohen in andere Provinzen Syriens, in die Türkei. Nach Europa schaffte es kaum jemand: zu teuer. Marwan holte seine Familie erst aus Idlib in den Libanon, nachdem ein Geschoss das Nachbarhaus traf.

Ihren Aufstieg in den vierten Stock haben sie teuer bezahlt. Seit einem Jahr arbeitet ihr Sohn, 14, in einem Ein-Dollar-Shop, ohne Papiere. Er verdient 400 Dollar im Monat, das reicht gerade so für Miete, Strom und Wasser. "Er hat einen ganzen Tag geweint, weil er weiter zur Schule gehen wollte", sagt seine Schwester. "Es ging nicht anders", sagt Samira. Im Sommer 2018 kürzten die UN die Lebensmittelhilfen. Marwan fand da schon kaum noch Arbeit.

2016 schloss die EU auf Betreiben von Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Abkommen mit der Türkei: Weniger Flüchtende gelangen seitdem nach Europa, dafür zahlt die EU mehr Hilfsgelder an die Aufnahmeländer in der Region. Kritiker meinten damals, die EU kaufe sich aus ihrer Verantwortung frei. Zumindest haben die Europäer seither weniger genau hingeschaut.

Mehr als sechs Milliarden Euro Hilfe sind seit Beginn des Krieges in den Libanon geflossen. Das klingt nach einer großen Summe. Tatsächlich ist es ein Drittel weniger, als die UN für notwendig erachtet hatte, um die Grundversorgung der Flüchtlinge im Land sicherzustellen.

Wenn Helfer das Ausmaß einer humanitären Krise bewerten wollen, greifen sie auf das englische Wort resilience zurück. Man kann das als Frage übersetzen: Wie gut lassen sich neue Härten noch abfedern? Als Marwan nicht mehr 20, sondern nur noch 13 Tage im Monat Arbeit fand, kochte seine Frau weniger Gemüse und mehr Reis. Als die Hilfen gestrichen wurden, fing der Sohn an zu arbeiten. Und jetzt, da syrische Arbeiter entlassen werden? Aufs Mittagessen verzichten? Tausende Familien stehen in diesen Tagen vor solchen Fragen.

Marwan kam schon vor dem Krieg in den Libanon, monatsweise, um in einer Tischlerei zu arbeiten. Eine Arbeitserlaubnis hatte er auch damals nicht. "Das war den Libanesen egal. Syrer waren die billigsten Arbeiter", sagt er. "Wir waren willkommen."

Der libanesische Staat kennt Tausende Vorschriften. Aber er lebt auch vom Regelbruch. Arbeitsgenehmigungen für Ausländer kosten mehr, als die allermeisten sich leisten können. Kontrolliert wurden sie bislang kaum. Schwarzarbeit bei Hilfsjobs hatte System. So war es auch mit Aufenthaltspapieren: Bei einer Erhebung der UN aus dem Jahr 2018 unter Flüchtlingen kam heraus, dass in 80 Prozent der Haushalte nicht alle Familienmitglieder einen gültigen Status hatten.