Die Nationalisten in der Regierung nutzen das nun. Wenn sie Arbeiter kontrollieren oder Hütten abreißen lassen, setzen sie geltendes Recht durch. Sie können sich damit brüsten durchzugreifen – und machen sich kaum angreifbar.

Vor allem nicht durch die Europäer.

Die pochen in diesen Tagen auf die Abmachung: Die EU-Staaten zahlen, damit Flüchtlinge hier Schutz finden. Der Libanon dürfe niemanden zur Rückkehr zwingen. Wann aber wird aus Not Zwang? Die Regierenden des Libanons betonen, dass sie auf freiwillige Rückkehr setzen. Marwan meint: "Sie wollen, dass wir es nicht mehr ertragen." Deportationen oder Abrisse treffen Einzelne, die Angst davor alle. Und die Angst soll zumindest jene nach Syrien zurücktreiben, die nicht aufgrund von politischem Aktivismus, sondern vor dem Krieg geflohen sind.

Als wäre der Krieg vorbei.

Ihre alte Heimat Idlib ist so heftig umkämpft wie nie. Als Marwan davon erzählt, beginnt seine Jüngste, die still gespielt hat, auf ein Kissen einzuschlagen. "Die Flugzeuge", sagt Marwan nur. Die Kinder haben den Luftkrieg erlebt, mit dem das syrische Regime mit seinen Verbündeten Russland und Iran das Land zurückerobert hat. Es fehlt nur der Norden. Dort haben sich die verbliebenen Rebellen verschanzt. Mit ihnen harren auch drei Millionen Zivilisten aus. Es ist der Kampf um eine Sackgasse: Weder Kämpfern noch Zivilisten bleibt ein Fluchtweg, die Grenze zur Türkei ist dicht. Syriens Schutzmacht Russland und die Türkei hatten deshalb verhandelt. Doch keine Einigung hält. Seit April rücken Regimekräfte vor, unterbrochen nur von kurzen Waffenruhen.

In dieser vermutlich letzten Schlacht begeht das Assad-Regime von Neuem systematisch Kriegsverbrechen. Syrische und russische Jets haben bislang 39 Krankenhäuser gezielt zerstört. Das ist eine Botschaft an die Opposition – und an die internationale Gemeinschaft: Wir sind uns sicher, dass wir keine Konsequenzen zu fürchten haben.

So sieht sich die syrische Familie in Beirut eingeklemmt zwischen zwei Fronten: dort der Krieg, hier der Druck zur Rückkehr. Bliebe noch der Weg in andere Teile Syriens, die Regimegebiete. "Auf keinen Fall", ruft Marwan.

Er sagt: Soweit er wisse, stehe er auf keiner Fahndungsliste des Regimes. "Aber was heißt das schon, bei all den Checkpoints?" 128.000 Menschen hat das Assad-Regime seit 2011 verhaftet, laut dem Syrischen Netzwerk für Menschenrechte. Das Ausmaß von Folter und Mord in Gefängnissen ist umfassend dokumentiert. "Zuletzt hat die Willkür noch zugenommen", sagt Sara Kayyali von Human Rights Watch. Rivalisierende Geheimdienste nehmen auch Männer fest, denen nicht einmal das Regime etwas vorwirft. Rückkehrern werde besonders misstraut, berichtet die Organisation Adopt a Revolution.

Die Europäer haben zu dem wachsenden Druck auf Flüchtlinge im Libanon bislang kaum öffentlich Stellung bezogen. Das Auswärtige Amt erklärt, man rede mit der libanesischen Seite darüber und stimme sich mit anderen Staaten ab. Aus verschiedenen Botschaften heißt es dazu: Man wolle für die Flüchtlinge eintreten, ohne dem Populismus im Libanon Vorschub zu leisten. Die Regierung des Libanons soll zugesichert haben, dass keine weiteren Abrisse erfolgen.

Nur: Reicht das? Soll man noch Hilfsgelder in vollem Umfang an Staaten bezahlen, die Flüchtlingen keinen echten Schutz bieten? In Wahrheit ist das keine offene Frage: Kürzungen würden den Flüchtlingen schaden. Der Libanon erwartet allerdings auch Budgethilfen in Milliardenhöhe. Die ließen sich zumindest teilweise zurückhalten. Das allerdings wäre riskant, denn das Land steht vor dem wirtschaftlichen Kollaps.

Syriens Präsident Baschar al-Assad warf dem Libanon seinerseits vor, Flüchtlinge "behalten" zu wollen, um Hilfsgelder zu kassieren. Dabei möchte Assad selbst syrische Rückkehrer anlocken – um internationale Gelder für den Wiederaufbau Syriens zu kassieren. Im Beiruter Viertel Schatila beobachten sie, wie nun vermehrt Frauen und Kinder nach Syrien abreisen. Männer bleiben. Für Frauen ist das Risiko von Verhaftungen geringer. Marwan sieht das mit Trauer: Hier zerreißt nicht der Krieg die Familien, sondern sein Ende.

* Namen geändert

Mitarbeit: Anna-Maria Ohan Guzelian