Ein dünner Wasserstrahl plätschert aus einem Brunnenrohr. Sonst herrscht tiefe Stille in Monti Scìaga. Durch eingestürzte Dächer fällt der Blick ins Innere der verfallenen Steinhütten. Hauswände stehen gefährlich schief. "Lange haben die Dächer gehalten", sagt Tiziano Ponti, der Gemeindepräsident von Gambarogno, zu welcher der Weiler Monti Scìaga gehört: "Nun regnet es rein, und mit dem Wasser faulen die Balken durch."

Die 30 Rustici in Monti Scìaga haben es bereits als Geisterdorf in einen Katalog für einmalige Film-Locations geschafft. Aber Gemeindepräsident Ponti möchte, dass hier im oberen Veddasca-Tal, auf 1200 Meter über Meer und 40 Minuten Fußmarsch von der nächsten Straße entfernt, neues Leben einkehrt.

Deshalb will die Gemeinde die Rustici verkaufen. Für einen Franken das Stück.

80 oder 100 Menschen haben in Monti Scìaga jahrhundertelang mit Alpwirtschaft ihren Lebensunterhalt erarbeitet. Ab den 1950er-Jahren wurden die Weiden aufgegeben. Seither versuchten mal Private, dann der Staat, diesen abgelegenen Winkel des Tessins wiederzubeleben. In den 1970er-Jahren sollte hier ein Touristendorf entstehen mit 150 Betten. Aber die geplante Seilbahn und die Versorgung mit Wasser und Gas waren zu teuer. 2001 lehnte die Bevölkerung ein Projekt ab, das die Alpwirtschaft neu ankurbeln wollte und auch eine Schutzhütte für Wanderer vorsah.

"Die Zeit läuft ab", sagt Ponti. Aber die Gemeinde hat zu wenig Geld, um die Steinhäuser selbst vor dem Zerfall zu retten. Darum das Angebot an Private: Sie will neun der Rustici verkaufen, für einen symbolischen Franken – und mit ausgefuchsten Vertragsklauseln. Ein Jahr nach dem Kauf muss der Käufer ein Baugesuch stellen, anschließend hat er weitere drei Jahre Zeit für den Umbau. Erst dann geht die Hütte definitiv in seinen Besitz über. Die Gemeinde erstellt ihrerseits die Trinkwasseranschlüsse und organisiert die Abwasserentsorgung, gleichzeitig baut sie eine unbewirtschaftete Touristenunterkunft.

Als zunächst Swissinfo und kurz darauf die großen Online-Portale in der Deutschschweiz über die Aktion berichteten, meldeten sich 60 Interessenten bei Gemeindepräsident Ponti. "Die Mehrzahl der Anrufer war wohl angelockt von diesem unschlagbaren Schnäppchen-Preis", sagt er. Tatsächlich aber hat die Renovation ihren Preis. Mit mindestens 200.000 Franken müsse man rechnen, um ein halb zerfallenes Haus in weglosem Gelände herzurichten.

Das staatliche Lockvogel-Angebot ist das eine. Die viel größere Frage aber lautet: Wieso unterstützt hier eine Gemeinde aktiv, dass Rusticos zu Ferienhäusern umgenutzt werden – ein Vorgang, der für jahrzehntelangen Streit zwischen dem Tessin und Bundesbern sorgte?

Seit dem Jahr 1980 ist es in der Schweiz verboten, aus einer Alphütte eine Ferienwohnung zu machen, so diese nicht im Baugebiet steht. Die Tessiner Regierung hielt das für Unsinn. Damit würden die 36.000 Maiensässe und Heustadel im Kanton dem Verfall preisgegeben.

Obschon sie damit gegen Bundesrecht verstieß, erteilte die Regierung damals Hunderte Baubewilligungen. 1990 wurde der Druck aus Bern zu groß. Die Kantonsregierung erließ eine Art Amnestie für Rustici-Bauherren, gleichzeitig galt fortan ein Umbauverbot. Abgebrochen oder zurück gebaut wurde aber kaum ein Steinhaus in den Tessiner Bergen. Die Kantonsverwaltung weigerte sich erfolgreich, dem Bundesamt für Raumentwicklung die entsprechenden Unterlagen herauszurücken. Und die seltenen Abbruchbefehle führten dazu, dass sich die Politik und die Bevölkerung mit den Rustico-Besitzern solidarisierte. Bis den Beamten in Bern endgültig der Geduldsfaden riss: Ab dem Jahr 2009 legten sie bei sämtlichen Umbauten ihr Veto ein. Das wirkte. Heute gilt im Tessin ein sogenannter Rustico-Plan. Er listet Zonen auf, wo schützenswerte, also umnutzungswürdige Alpbauten erhalten werden dürfen.

So werden heute 8.000 Rustici als Ferienhäuser genutzt. Und obschon die Umnutzung eigentlich an strenge Vorschriften und an die Bedingung geknüpft ist, etwa das umliegende Land zu pflegen, sind manche dieser Grundstücke mit Fahnenstangen, Wagenrädern, Hüpfburgen oder monströsen Gartengrills verschandelt.