Die neue Kaschmir-Politik der indischen Regierung bedeutet eine Zäsur in der Geschichte des Landes und des ganzen Subkontinents. Seit Jahrzehnten verlangen die Hindu-Nationalisten von Premierminister Narendra Modis Indischer Volkspartei (BJP), dass die bisher geltenden Sonderrechte der Himalaya-Region mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit kassiert werden sollen. Nun, gestärkt durch einen hohen Wahlsieg im Frühjahr, hat die Regierung mit parlamentarischer Unterstützung diesen Schritt tatsächlich beschlossen. Zugleich soll der bisherige Bundesstaat Jammu und Kaschmir (der neben dem vorwiegend muslimischen Kaschmir-Tal auch mehrheitlich hinduistische beziehungsweise buddhistische Gebiete umfasst) in zwei Territorien ohne vollen bundesstaatlichen Status zerlegt werden. Ob der Schlag gegen die kaschmirische Autonomie verfassungsrechtlich zulässig war, ist umstritten und wird gewiss noch das Oberste Gericht in Neu-Delhi beschäftigen. Dass er weitreichende Folgen haben wird, lässt sich schon jetzt absehen.

Er ist die vorerst letzte Episode einer seit Jahrzehnten leidvollen Geschichte. Als die britische Kolonialmacht sich 1947 aus Südasien zurückzog, wurde der indische Subkontinent auf zwei Staaten aufgeteilt: das (vorwiegend hinduistische, verfassungsmäßig säkulare) Indien und das islamische Pakistan. Kaschmir war das einzige mehrheitlich muslimische Territorium, das sich Indien anschloss – denn der Maharadscha, der regierende Fürst, der die Frage zu entscheiden hatte, war ein Hindu.

Pakistan hat das Ergebnis nie akzeptiert, es hat um den Besitz von Kaschmir mehrere Kriege geführt, und ein Teil der Region ist bis heute unter pakistanischer Kontrolle. Aber auch in der indisch regierten Hälfte gibt es teilweise bitteren Widerstand gegen Neu-Delhis Oberhoheit. Der Kampf zwischen militanten, aus Pakistan unterstützten Rebellen und repressiven indischen Sicherheitskräften hat in den 1990er-Jahren Zehntausende von Opfern gefordert. Das Gewaltniveau ist seither gesunken, aber die politische Entfremdung keineswegs geringer geworden. Zahllose Kaschmirer empfinden Indien nicht als ihr Land, sondern als Besatzungsmacht. Dies ist, auch wenn er weniger internationale Aufmerksamkeit bekommt, einer der Großkonflikte der Gegenwart, vergleichbar dem ungelösten Israel-Palästinenser-Problem.

Das ist der Hintergrund, vor dem die Aufkündigung der bisherigen Autonomie- und Sonderregelungen so gefährlich wirkt. Bisher etwa war es Indern aus anderen Landesteilen nicht möglich, in Kaschmir Grund und Boden zu erwerben. Aus BJP-Sicht ist es ein überfälliger Akt der Normalisierung, mit solchen Ausnahmen Schluss zu machen. Für viele Kaschmirer dagegen waren sie eine Minimalgarantie ihrer regionalen und religiösen Identität, eine Restversicherung gegen die Überwältigung durch einen Staat, dem sie nicht trauen.

Konfliktregion Kaschmir

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Es besteht die akute Gefahr, dass frustrierte Kaschmirer auf diesen empfundenen Bürgerverrat mit Gewalt antworten werden. Unterdessen hat Pakistan bereits erklärt, dass es die Integration der Himalaya-Provinz ins indische Staatsganze nicht anerkennen werde. Islamabad hält sich bereit, die drohende Verbitterung und Unruhe in Kaschmir zu unterstützen, zu munitionieren und auszunutzen. Neu-Delhi wiederum könnte sich dann zur Vergeltung gegen Pakistan veranlasst sehen. Und das alles immer unter Atommächten.

Die neue Kaschmir-Politik zeigt mit erschreckender Klarheit den Charakter und die Stärke der vaterlandstrunkenen Ideologie, die Indien zunehmend im Griff hat. Noch vor wenigen Monaten, in Premierminister Modis erster Amtszeit, wären Radikalmaßnahmen wie die jetzt beschlossenen unmöglich erschienen, sie gehörten ins Reich der BJP-Wunschfantasien. Nun werden sie Wirklichkeit. "In unseren wildesten Träumen", hat der Oppositionspolitiker und frühere Finanzminister P. Chidambaram über den Kurs der Regierung gesagt, "haben wir nicht gedacht, dass sie einen derart katastrophalen Schritt unternehmen würden." In Indien ist jetzt der enthemmte Nationalismus an der Macht.