Frage: Herr Prummer, was bitte verbindet Jesus mit James Bond?

Markus Prummer: Ganz klar: Beide retten die Welt vor dem Bösen. Jesus, indem er die Menschheit erlöst. James Bond, indem er Bösewichte ausschaltet.

Frage: Sie haben die Ausstellung "Helden, Märtyrer, Heilige" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg kuratiert. Darin ziehen Sie Parallelen zwischen christlichen Heldengeschichten aus dem Spätmittelalter und aktuellen Hollywoodfilmen. Ist der Vergleich nicht ein wenig weit hergeholt?

Prummer: Nein, überhaupt gar nicht. Heldengeschichten verlaufen nämlich immer nach dem gleichen Muster – egal ob sie fünf Jahre oder 500 Jahre alt sind, 2000 Jahre oder noch vor Christi Geburt entstanden sind wie zum Beispiel das Gilgameschepos, die erste verschriftete Heldengeschichte der Menschheit. Alle diese Geschichten funktionieren nach einem Konzept, das als Heldenreise bekannt ist.

Frage: Die Heldenreise ist ein Erzählmuster, das der Mythologe Joseph Campbell Mitte des 20. Jahrhunderts herausgearbeitet hat. Helden wie Superman werden demzufolge berufen, müssen über sich hinauswachsen, Prüfungen bestehen und werden dabei von Verbündeten unterstützt. Inwieweit ist das auf Jesu Leben anzuwenden?

Prummer: Das passt doch perfekt! Durch die Taufe im Jordan wird Christus berufen, er wird vorbereitet und entsandt, findet in den Jüngern seine Verbündeten, muss den Versuchungen des Teufels widerstehen, hat Widersacher – und am Ende gibt es sogar ein Happy End.

Frage: Eine Kreuzigung als Happy End?

Prummer: Erst einmal scheint es so, als sei alles verloren. Aber nach drei Tagen folgt der große Sieg durch die Auferstehung und spätere Himmelfahrt – und zwar nicht nur für ihn, sondern für die gesamte Menschheit, der es jetzt wieder möglich ist, ins Paradies einzukehren. Solche Parallelen wollen wir mit unserer Ausstellung aufzeigen.

Markus Prummer kuratiert die Ausstellung "Helden, Märtyrer, Heilige" im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg. Zu sehen sind die Werke noch bis zum 4. Oktober 2020. © Dirk Messberger

Frage: Wenn mit der Heldenreise immer wieder die gleiche Geschichte erzählt wird, kann man dann von einer anthropologischen Konstante sprechen?

Prummer: Joseph Campbell hat sich auch mit der Psychoanalyse beschäftigt und gesagt, dass wir Menschen mit diesen Helden-Vorstellungen geboren werden. Neuere Forschung hat allerdings ergeben, dass wir doch erst mit diesen Erzählungen aufwachsen. Das ist also nicht genuin, sondern Erziehungssache.

Frage: Wieso funktioniert das System dann trotzdem, egal in welchem Kulturkreis?

Prummer: Als einzige anthropologische Konstante kann man vielleicht festhalten, dass der Mensch sich gerne Geschichten erzählt. Und vielleicht auch noch, dass man sich meistens ein Happy End wünscht. Aber man darf auch nicht vergessen, dass viele Kulturen miteinander in Berührung gekommen sind und dass der Mensch schon immer gewandert ist.

Frage: Brauchen wir also Helden?

Prummer: Ich glaube schon, dass der Mensch ein Bedürfnis nach solchen Geschichten hat.