Qamar schaut zu ihren beiden älteren Schwestern. "Soll ich?" Ohne eine Antwort abzuwarten, macht sie einen Salto vom Böckli. Im selben Moment stürzt Falak zum Beckenrand und schubst Malak ins Wasser. Die drei Schwestern verbringen ihre Sommerferien im Gartenbad Bachgraben am Stadtrand von Basel. Während ihre Freundinnen an die Côte d’Azur fahren oder Verwandte im Kosovo besuchen, üben sie, unter Wasser auf dem Boden zu sitzen ("Goht nid!" – "Sicher scho!"), oder springen mit Anlauf vom Sprungbrett.

Es ist ein Donnerstagnachmittag im Juli, 38 Grad im Schatten. Wassertemperatur: 25 Grad. In der engen 3-Zimmer-Wohnung unterm Dach, wo sie mit ihren Eltern und den fünf Geschwistern lebt, kriege sie Kopfschmerzen, sagt Malak. "Irgendeiner schreit immer." Für die drei Flüchtlingskinder aus Syrien ist die Badi das Spielzimmer, das sie daheim nicht haben. Ein Raum, wo sie frei und doch geschützt sind. Wo sie schreien, toben oder ausgestreckt auf dem warmen Betonboden ungestört die Wassertropfen auf ihrem Unterarm zählen können.

Die Schweiz zählt zu den Ländern mit der weltweit höchsten Dichte an Badeanstalten. Laut einer Statistik des Bundesamts für Sport aus dem Jahr 2012 sind es 300 Freibäder, 450 Hallenbäder und 196 See- und Flussbäder. Neuere Zahlen gibt es nicht. Die meisten Bäder wurden in den 1950er-, 1960er- und 1970er-Jahren gebaut, als man den neuen sozialen Wohlstand gern in rohen Sichtbeton goss. Auch das Gartenbad Bachgraben stammt aus der Nachkriegsmoderne und gilt als schützenswert.

Doch mittlerweile sind viele dieser einst euphorisch errichteten Anstalten zu Sanierungsfällen geworden. Manche Gemeinden wären sie lieber heute als morgen los.

"Öffentliche Bäder sind teuer und lassen sich nicht kostendeckend betreiben", sagt Stefan Studer. Der Mann im dunklen Anzug ist Geschäftsleitungsmitglied der Kannewischer Management AG. Das Unternehmen plant und baut Bäder. Nur 30 Prozent beträgt der durchschnittliche Kostendeckungsgrad eines Freibads. Das heißt, mit den Eintrittsgeldern finanziert man knapp ein Drittel der Unterhaltskosten. Den Rest legt der Betreiber drauf. Bei einem Hallenbad liege der Deckungsgrad zwar höher, aber selten über 50 Prozent.

Deshalb werden die meisten Hallen- und Freibäder in der Schweiz von der öffentlichen Hand betrieben oder subventioniert. Die Stadt Zürich ließ sich alle ihre Freibäder im vergangenen Jahr 12,6 Millionen Franken kosten, die Stadt Bern 5,8 Millionen, und Basel gab für die beiden größten Bäder, das Bachgraben und das St. Jakob, insgesamt 1,5 Millionen Franken aus.

Badi-Bauer Studer legt die rechte Hand auf eine graue Wand: "Pflotschnass". Er steht in der Mädchenkabine der Kunsteisbahn- und Schwimmbadgenossenschaft Schaffhausen (KSS). Ein Stockwerk höher liegen die Duschen, von dort drückt vermutlich das Wasser rein. Studer trägt Plastik-Manschetten über seinen schwarzen Lederschuhen und geht mit großen Schritten weiter in den Keller, wo die Schwimmbadtechnik steht. Auch hier rinnt und tröpfelt es von Decke und Wänden. Zwar finden die Techniker der Badi immer wieder kreative Lösungen, um mit Rohren und allerlei Klebeband die lecken Stellen abzudichten, aber sobald sie ein Leck geflickt haben, drückt das Wasser an einem anderen Ort wieder rein. Studer sagt: "Für mich spricht vieles dafür, dieses Bad abzureißen."