Wenn Samir Madani Satellitenbilder von Häfen im Nahen Osten und Positionsdaten von Tankern studiert, lüftet er dabei oft die Geheimnisse des internationalen Erdölhandels. So fiel ihm am 19. Juli auf, dass der britische Tanker Mesdar in der Straße von Hormus von seinem Kurs abgewichen war und sich der Küste des Iran näherte.

Es dauerte nicht lange, ehe die Nachricht die Runde machte, die iranische Marine hätte den Tanker abgedrängt, ebenso wie kurz zuvor den Tanker Stena Imperio. Madani suchte in seiner Datenbank nach der Mesdar. Madani ist Gründer von TankerTrackers.com, einer Webplattform, die Informationen über den weltweiten Tankerverkehr zur Verfügung stellt. Bei seiner Suche nach der Mesdar fand er heraus, dass das Schiff in den vergangenen zwei Jahren mehrfach zwischen dem Ölhafen Ras Tanura in Saudi-Arabien und China verkehrte. Da war er sich sicher, dass die Mesdar trotz des Manövers der iranischen Marine nicht beschlagnahmt werden würde. "Mit Öl für China an Bord kriegt man keine Probleme mit dem Iran", sagt Madani.

In der Straße von Hormus verdichtet sich gerade die Weltpolitik auf kleinem Raum. Die Meerenge zwischen dem Oman und dem Iran verbindet den Persischen Golf mit dem Indischen Ozean, an der engsten Stelle ist sie nicht einmal 40 Kilometer breit. Und sie ist zum Schauplatz um die Sanktionspolitik gegen den Iran geworden.

Nach Angaben der amerikanischen Energy Information Administration wurden im vergangenen Jahr fast 21 Millionen Fass Rohöl täglich durch die Meerenge transportiert, das ist rund ein Fünftel der weltweiten Erdölexporte. Die Lieferungen stammen aus dem Irak, dem Iran, Kuwait, Bahrain, Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Rund drei Viertel der Transporte gehen nach Japan, Indien, Singapur und vor allem China. Die Straße von Hormus ist eine Art Nadelöhr des Erdölhandels. Wenn an dieser Stelle der Schiffsverkehr stockt, drohen Unternehmen überall auf der Welt Probleme zu bekommen – und nun ist es so weit.

Die USA versuchen mit maximalem Druck, ein neues Abkommen mit dem Iran zu erzwingen, in dem sich das Land bereit erklärt, sein Atomprogramm zurückzufahren. Daher haben sie die Sanktionen gegen die iranische Erdölindustrie verschärft.

Es wird eng in der Straße von Hormus.

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Der Iran seinerseits droht damit, die Straße von Hormus zu schließen. Seit Mai sind sechs Öltanker in der Region angegriffen worden, die USA machen den Iran dafür verantwortlich. Am 19. Juli dann beschlagnahmte die iranische Marine den unter britischer Flagge fahrenden Tanker Stena Imperio. Offenbar aus Vergeltung. Kurz zuvor hatte die britische Marine nämlich vor Gibraltar einen iranischen Tanker gestoppt, der unter Umgehung des Sueskanals angeblich Erdöl nach Syrien liefern sollte, gegen das die USA ebenfalls Sanktionen verhängt haben.

Ein Einzelfall ist das offenbar nicht. Zumindest berichtet der Marktbeobachter Madani von mehreren Tankern, die er auf Satellitenbildern entdeckt habe und die dem Iran dabei helfen würden, die US-Sanktionen zu brechen. Sie laden ihre Fracht im Iran, durchqueren die Straße von Hormus, fahren dann das Rote Meer bis zum Sueskanal hinauf. Danach schalteten sie das System zur automatischen Positionsbestimmung aus. Sie können dann elektronisch nicht mehr verfolgt werden. Auf Satellitenbildern von der syrischen Entladestation von Banijas tauchen sie schließlich wieder auf.