Was ist bloß mit dem Meister los? Ist er von allen bösen Geistern verlassen? Als Quentin Tarantino im vergangenen Mai bei den Filmfestspielen in Cannes seinen neuen Film vorstellte, war das Echo, gelinde gesagt, verhalten. Viele Kritiker schienen von seinem Werk persönlich enttäuscht zu sein, ganz so, als habe das Wunderkind beim Drehbuchschreiben zu lange auf dem Bleistift rumgekaut. Ungewohnt zäh sei Once Upon a Time in Hollywood, dem Film fehle das Extraordinäre, der unbedingte Stilwille, der Biss der frühen Jahre. Lang und langweilig schleppe er sich durch die späten Sechziger-Kino-Jahre. Der übliche Blutrausch am Schluss, und das war’s.

Man kann die Reklamationen verstehen, zumindest auf den ersten Blick. Unter der gleißenden Sonne Kaliforniens erzählt Tarantino die Geschichte des eher zweitklassigen Serienschauspielers Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), der stets den Schurken im Stück spielt und seine beste Zeit hinter sich hat. Eigentlich wäre er lieber ein strahlender amerikanischer Held gewesen, zum Beispiel beim Kampf der Army gegen die Deutschen, aber die Rolle ging an Steve McQueen, Rick stand nicht einmal auf der Shortlist. So fehlt dem has-been der große Ruhm ebenso wie der Führerschein, weshalb er sich von Cliff Booth durch die Gegend kutschieren lässt, seinem Freund und Stunt-Double. Auch Cliff (Brad Pitt) befindet sich auf dem absteigenden Ast. Er wohnt in einem Trailer, und abends erwartet ihn nur sein Hund. Jobs sind rar. No stunt, no money.

Das rauschende Fest ist vorbei, doch noch lebt und säuft man prächtig in Beverly Hills. Rick Dalton wohnt Tür an Tür mit Roman Polanski und seiner Frau Sharon Tate, damals die neuen Weltstars, übrigens das einzige Liebespaar in diesem Film. Es ist das Jahr 1969. Amerika führt in Vietnam einen Krieg, von dem die Politiker längst wissen, dass er verloren ist. Ständig laufen irgendwo billige Westernserien, die Tarantino liebevoll aufbereitet hat, und nachts kleben die Neonreklamen wie Plastiksterne am Himmel über L. A. Der Mainstream kapert die sexuelle Revolution, es gibt Premieren für Sexfilme, und Sharon Tate (Margot Robbie) wundert sich: "Premierenfeier auch bei Pornos?" Eine paar Hippies hüpfen über die Straße, sie singen "Alles ist eins", und mit lasziven Bewegungen erregt eine junge Frau Cliffs Aufmerksamkeit. Bald wird man sie wiedersehen.

Das alles ist mit einer hysterischen Liebe zum Detail auf 35-Millimeter-Material in Szene gesetzt, und es wirkt fast schon wie ein Regieversagen, wenn zweimal derselbe Straßenkreuzer durchs Bild gleitet. Und doch – etwas stimmt hier nicht. Über Daltons Parkplatz am Cielo Drive hängt ein riesiges Bild von Jack Nicholson, sein Lachen ist breit und diabolisch. Merkwürdig ist das Spiel mit Namen und Verwechselungen, gleich am Anfang besteht ein Produzent (Al Pacino) darauf, er heiße Schwarz und nicht Schwartz. So ist es wie immer bei Tarantino. Sobald die Wörter nichts mehr bedeuten, sobald sie nicht mehr die Welt, sondern nur noch sich selbst spiegeln, öffnet sich die Pforte zur Hölle. Die Gesellschaft kreist dann nur noch um sich selbst und ist nicht mehr auf Empfang – die Antenne auf Daltons Playboyvilla ist abgebrochen. Cliff soll sie reparieren, und wie er mit nacktem muskulösem Oberkörper auf dem Dach steht, sieht er aus wie die Apotheose seines Auftritts im Film Thelma & Louise. Unten hält ein klappriger Lieferwagen, die Aufschrift ist verblichen. No Logo. Ein Mann steigt aus – es ist Charles Manson, der mörderische Sektenführer.

Für Tarantino scheint es ein Heidenspaß zu sein, dem Publikum weiszumachen, sein Film sei eine Reise ins Wunderland des alten Kinos. Tatsächlich ist sein Hollywood der Spiegel des großen Amerika, der Spiegel einer Spaltung. Auf der einen Seite die Kulturindustrie mit ihren Bildern voller sinnloser Gewalt; auf der anderen Seite das vom Kino Verleugnete – das Reale, das Leben oder wie immer man es nennen will.

Schon der Einfall, diese Spaltung als Geschichte zwischen einem Schauspieler und seinem Stunt-Double zu erzählen, ist genial. Denn während Rick Dalton seine Bullshit-Texte aufsagt, muss Cliff Booth "in echt" den Kopf hinhalten. Er ist es, der vom Pferd fällt, er ist der Körper ohne Ruhm, der Schmerz- und Schmutzableiter in der Höhle des Scheins. Doch ausgerechnet dem Mann ohne Text bedeuten die Wörter alles, ein Wort ist für ihn wie eine Tat, und wehe, ein blasierter Kung-Fu-Kämpfer beleidigt den großen Cassius Clay! Booth, der Ex-Marine, kennt die explosive Menschennatur, er kennt – das Wort fällt sogar – ihre Urgewalt. Damit der Zuschauer das auch bemerkt, trägt er ein T-Shirt mit Werbung für Zündkerzen. Außerdem hat Cliff Booth ein Geheimnis. Man munkelt, er habe auf hoher See seine Frau umgebracht. Nachweisen konnte man ihm nichts.