Wir Nachwende-Kinder entdecken selbstbewusst unsere Ost-Identität – und zwingen den Westen zu einem Gespräch, das er zu lange nicht führen wollte.

Generation Y

Neulich, auf einem Musikfestival, lernte ich wieder etwas über meine Generation. Ich kam mit einem jungen Mann ins Gespräch, vielleicht war er Ende 20 wie ich. Er hatte in Jena studiert, und ich fragte ihn, ob er dort auch aufgewachsen sei. Nein, sagte er, er komme aus Baden-Württemberg. Aber er sei immerhin schon seit acht Jahren im Osten!

Und ein bisschen musste ich lächeln. Da war er wieder, der "Osten", und ich hatte nicht einmal damit angefangen. Die Leute sprechen von ganz allein darüber.

Es ist nicht lange her, da hieß es, es müsse doch jetzt mal Schluss sein mit diesem Gerede von Ost und West. Immer wieder wurden junge Ostdeutsche, auch ich, gefragt, warum wir noch zurückschauen müssten; ob wir nicht weiter seien; ob wir nicht ein vereintes Land seien. Und ob es die Gesellschaft nicht weiter spalten würde, wenn jetzt auch noch junge Leute anfingen, vom "Osten" zu reden und irgendeiner ostdeutschen Identität.

Aber in den vergangenen Jahren hat sich etwas verändert. Der Osten ist eine selbstverständliche Kategorie geworden, ein ganz normales Thema zwischen zwei Menschen auf einem Musikfestival. Er ist keine Geschichte, die nur Historikern gehört, er ist nicht nur die Erinnerung von ehemaligen DDR-Bürgern, er ist nicht die Agenda von Politikern. Der Osten bin auch ich. Der Osten sind auch wir.

Es ist fast zwei Jahre her, dass ich in der ZEIT ein Gefühl beschrieb, das mich da schon eine Weile umtrieb. Ich bin 1990 in Gardelegen, Sachsen-Anhalt, geboren; aufgewachsen bin ich in Magdeburg und in einem Bewusstsein, dass diese Republik aus 16 Bundesländern besteht, nicht aus zwei Hälften. Aber je älter ich wurde, desto ostdeutscher fühlte ich mich. Anfangs wollte ich das nicht wahrhaben.

Bewusst wurde mir das, als ich in Westdeutschland studierte und realisierte, wie abwertend zum Teil noch auf den Osten geschaut wird. Vor allem, seit es Pegida gab, seit manche im Westen anfingen, zu glauben, ganz Ostdeutschland sei Pegida-Zone. Ich bekam das Bedürfnis, etwas zu erklären. Mir wurde bewusst, dass der Osten meine Heimat, die ostdeutsche Perspektive meine Perspektive ist – und ich sie sichtbar machen will. Damals ging es mir darum, mich selbst ein bisschen besser zu verstehen. Aber das, von dem ich dachte, es wäre vor allem eine persönliche Frage, ist es nicht. War es nie.

Und ich bin nicht das einzige Nachwendekind, dem es so geht: Junge Menschen entdecken ihre Ost-Identität. Sie reden in der Öffentlichkeit selbstbewusst von ihrer Herkunft, begründen ihre Arbeit daraus und manchmal auch ihre Forderungen. Mittlerweile glaube ich: Gerade weil immer mehr junge Leute diese Kategorie, "Ostdeutschland", so selbstverständlich, so unaufgeregt nutzen und für sich beschreiben, zeigt sich, dass wir weiter sind als noch vor ein paar Jahren, im Reden und im Denken. Gerade weil wir uns erlauben, wieder freier über Unterschiede zu sprechen, bringen wir die Einheit endlich voran. Wir machen den Osten gleichberechtigt, weil wir uns jetzt trauen.

Wenn an vielen Ecken in einer Gesellschaft unabhängig voneinander Ähnliches passiert – und das dann auch noch öffentlich –, dann ist es nicht persönlich, dann wird es politisch.