Erik Flügge, 32, ist katholisch, Bestsellerautor und politischer Berater. Hier beschreibt er seine Kirche von außen – im Wechsel mit der Pfarrerin Hanna Jacobs. © Ruprecht Stempell

Ich möchte Ihnen heute etwas verraten, was ich bis vor zwei Wochen für unter Pfarrerinnen und Pfarrern allgemein bekanntes Wissen hielt. Als ich es ganz beiläufig veröffentlichte, rechnete ich wahrlich nicht mit so viel Unglauben und Wut, wie ich dann erntete. Ich möchte Ihnen nicht mehr berichten als einen einfachen, statistisch unstrittigen Fakt: Priester und Pfarrpersonen verdienen mehr als 90 Prozent aller anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland.

Wer 3000 Euro netto im Monat verdient, gehört schon zu den Besserverdienenden. Selbst unter Akademikerinnen und Akademikern ist man mit diesem Gehalt schon klar Teil der besser verdienenden Hälfte. Priester, Pfarrerinnen und Pfarrer sind oben. Eine Wahrheit, die dem Selbstbild radikal widerspricht, aber sich nicht beiseite schieben lässt. Die Statistik über Gehälter lügt nicht, sie ist wahrer als alle persönliche Erfahrung.

Was ich nun in unzähligen Diskussionen in den vergangenen zwei Wochen gelernt habe, ist, dass insbesondere evangelische Pfarrpersonen diesen unstrittigen Fakt durchaus für strittig halten. Schließlich kenne man einen Ingenieur oder eine Schuldirektorin. Jeder Professor verdiene mehr und auch die Ärztin, mit der man befreundet ist.

Das Drama an dieser Aufzählung ist nicht, was und wen man kennt, sondern was und wen man offenbar nicht kennt. Die Gehälter der Pfarrsekretärin oder Gemeindepädagogen und des Reinigungspersonals in der eigenen Kirche, den Verdienst eines Handwerksgesellen, Lkw-Fahrers oder einer Erzieherin. All die vielen mit mittlerer Reife oder Volksschulabschluss. Die Wahrheit bleibt: Alle Pfarrerinnen und Pfarrer gehören zu den bestverdienenden 10 Prozent in Deutschland.

Dass so viele von ihnen es nicht wahrhaben wollen, ist kein Beleg gegen diesen Fakt, sondern eine treffliche Beschreibung der Welt, in der sie sich bewegen. "Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt", schreibt Marx schon 1859, und noch heute ist es wahr.

Keiner Pfarrperson will ich ihr Gehalt streitig machen. Bekommt es, genießt es und seid euch dieses Gehaltes bewusst. Es ist ein Auftrag, nicht zu jammern, nicht zu klagen, nicht sich kleinzumachen, sondern eine Aufforderung zum Dienst an der Gemeinde.

Eine Aufforderung, sich selbst starkzumachen für die übergroße Mehrheit aller anderen, die finanziell schwächer sind als man selbst. Man kann nicht predigen, wenn man die Welt nicht versteht. Man kann keine Verbindung zwischen der Heiligen Schrift und der Gesellschaft herstellen, wenn man seinen Platz in der Gesellschaft nicht kennt. Deshalb muss man sich als Pfarrerin und Pfarrer der Wahrheit stellen: Wir sind oben.