Was gibt es Schöneres, als älteren Männern lauschen zu dürfen, die andere mit ihrem Wissen bereichern? Clemens Tönnies (63) etwa, der Anfang August beim Tag des Handwerks in Paderborn mitteilte, dass der Klimawandel besser nicht durch Steuererhöhungen bekämpft werde. Stattdessen, sagte der Unternehmer, der sein Vermögen von geschätzt 1,4 Milliarden Euro der industriellen Schweine- und Rinderschlachtung verdankt, solle man Kraftwerke in Afrika bauen: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren." Klimaschutz, so taktvoll wie eine grobe Mettwurst.

Das Praktische an der Gegenwart ist, dass niemand mehr auf Facebook oder Twitter eigenhändig Blödsinn verzapfen muss. Irgendwer filmt oder notiert fast jede sprachliche Entgleisung, sei sie nun versehentlich oder mit Absicht, und postet sie. Was einerseits irgendwie krank ist, andererseits aber auch nur ein Bild dessen zeichnet, was draußen alles gesagt wird. Und von wem.

Unflätiges Auftreten, also herablassende, beleidigende, geringschätzende oder einfach nur gedankenlos dahingeschwätzte Äußerungen, sind dabei kein Privileg gesellschaftlicher Randgruppen. Überraschend viele Unternehmer beherrschen es ebenso.

Auch andere deutsche Unternehmer haben eine Meinung zu Fortpflanzungsfragen

Tönnies führte nur die Tradition der auch unternehmerisch tätigen Gloria Fürstin von Thurn und Taxis (heute 59) fort, die bereits 2001 im Fernsehen eine Erklärung für die hohen HIV-Infektionsraten in Afrika hatte: "Der Schwarze schnackselt gerne."

Clemens Tönnies - Kein Rauswurf nach rassistischer Äußerung Nach dem Rassismusvorwurf legt Schalkes Vorstandschef Clemens Tönnies für drei Monate sein Amt nieder. Gelsenkirchener kritisieren die Entscheidung. © Foto: Tim Rehbein

Ebenfalls meinungsstark in Familien- und Fortpflanzungsfragen ist der Chef der Bekleidungsfirma Trigema, Wolfgang Grupp (77), der dem Handelsblatt im Jahr 2013 sein Frauenbild erläuterte: "Wie alt ich auch bin, meine Frau sollte Anfang 20 sein. Mit 30 Jahren lässt sich eine Frau nicht mehr formen – und ich wollte eine Frau, die sich mir und meinem Leben anpasst." Frauen mit Kindern wären in Führungspositionen falsch, wusste der zweifache Vater, denn: "Kinder haben ein Recht auf die Mama."

Bestenfalls unbedacht verhielt sich Verena Bahlsen, 26, Erbin des Keks-Imperiums, die schwadronierte, während der NS-Zeit seien die Zwangsarbeiter im Familienbetrieb doch "gut behandelt" worden (Spoiler: stimmte nicht!). Wenn eine derart entspannte Einstellung zur eigenen Geschichte unter deutschen Nachwuchsunternehmern zur Regel wird, glauben sie in ein paar Jahren wahrscheinlich alle, dass ihre Ahnen von 1933 bis 1945 wirklich im Widerstand waren.

Der Chef ist der Chef

Viele Unternehmer gefallen sich als Vorbilder. Reden von Tradition, Werten und gesellschaftlicher Verantwortung, geben dabei aber erstaunlich oft Verantwortungsloses von sich. Wo ist da die gute und strenge Erziehung, die sie alle genossen haben? Wo sind die Werte, die das Elternhaus vermittelt hat? Wo sind Anstand und Manieren? Oder haben die Ausfälle gar mit der besonderen unternehmerischen Freiheit zu tun, mit der manche einfach nicht umgehen können?

Den Unterschied zwischen Unternehmern und Managern würde das jedenfalls erklären. Hätte der Leiter der Kraftwerkssparte von Siemens den Tönnies-Satz gesagt, wäre er seinen Job los. Als Angestellte wissen Manager, dass sie auch Botschafter ihrer Arbeitgeber sind. Rassistische Äußerungen sind tabu. Der Satz "Achmet, ich bin schwanger", mit einem Ziegenfoto bei Facebook gepostet, rechtfertigt dem Landesarbeitsgericht Sachsen zufolge die fristlose Kündigung schon eines einfachen Angestellten.

Aber der Chef ist der Chef. Ihm gehört der Laden, deswegen fehlt es an Widerspruch. Durch den Aufsichtsrat, durch die Aktionäre, durch das eigene Wertesystem, durch die nach eigenen Vorstellungen geformte 20-jährige Ehefrau oder durch sonst jemanden, der ihm die Meinung sagt. Deswegen muss es die Öffentlichkeit tun. Wer redet, bekommt eine Antwort.

Zum Ritual gehört die anschließende Entschuldigung, die idealerweise einer Einsicht folgt. Clemens Tönnies teilte bald mit, es tue ihm "sehr leid". Er entschuldige sich zudem bei "den Fans, Mitgliedern und Freunden des FC Schalke 04", dessen Aufsichtsratschef er ist, obwohl er diese ja gar nicht beleidigt hatte (über den Sexualtrieb der Schalker hatte Tönnies geschwiegen). Allerdings übersah auch er, wie so viele andere vor ihm, dass sich niemand selbst entschuldigen, sondern allenfalls den um Entschuldigung bitten kann, dem gegenüber er Schuld auf sich geladen hat. Bereuen kann man, vergeben muss ein anderer. Was vermutlich schwer zu akzeptieren ist, wenn man es als Unternehmer gewohnt ist, alles selbst in der Hand zu haben.