Es ist wieder geschehen. Ein rechtsextremer Amerikaner hat 22 Menschen in einem Einkaufszentrum in der Grenzstadt El Paso in Texas erschossen und über zwei Dutzend verwundet. Wenige Minuten zuvor stellte der Attentäter, der 21-jährige Patrick Crusius, ein Manifest ins Internet. Darin beklagt er eine "lateinamerikanische Invasion in Texas" und bezieht sich auf die in den rechtsradikalen Kreisen der White-Power-Bewegung oft zitierte Theorie des "Großen Bevölkerungsaustauschs". Crusius, der aus der texanischen Stadt Allen in der Nähe von Dallas stammt, spricht vom Rassenkrieg und von der Notwendigkeit, die Zahl der Menschen mit nicht weißer Hautfarbe zu verringern, um den Planeten ökologisch und kulturell zu retten. Das ist seit Jahrzehnten die Sprache der White-Power-Bewegung, die alle rechtsextremistischen und rassistischen Gruppen vereint. Neu ist, dass sich auch die Sprache des amtierenden amerikanischen Präsidenten in dem Manifest wiederfindet.

Crusius schreibt von "Infizierung", davon, dass "Amerika verrottet", und er gebraucht die von Donald Trump zum Schlachtruf erhobenen Worte "Send them back" – Schickt sie zurück! Das riefen kürzlich Trumps Anhänger auf Kundgebungen, nachdem der Präsident vier dunkelhäutige Abgeordnete aufgefordert hatte, doch in die Länder zurückzukehren, aus denen ihre Familien stammten. Patrick Crusius behauptet allerdings, seine Ansichten zur Invasionsgefahr und zur Verteidigung der weißen Rasse seien nicht erst durch den Präsidenten geformt worden. Crusius sieht in Trump nicht den Anstifter, sondern einen Gleichgesinnten.

Und Gleichgesinnte gibt es viele in den Vereinigten Staaten. Vor einer Woche erschoss ein Rechtsextremist in Kalifornien drei Menschen bei einem Volksfest und verwundete zehn. Im April tötete ein Rechtsextremer in einer Synagoge im Süden Kaliforniens eine Person und verletzte drei. Aus welchen Beweggründen ein junger Mann in Ohio zwölf Stunden nach dem Attentat von El Paso neun Menschen vor einem Club in Dayton erschoss, ist bislang unbekannt. Er wurde von der Polizei getötet.

Laut FBI haben Rechtsextremisten in den vergangenen 16 Jahren mehr Attentate in den USA verübt als jede andere inländische Terrorgruppe. Die Anti-Defamation League, eine Menschenrechtsorganisation mit Sitz in New York, zählt auf, dass Rechtsextremisten und Anhänger der White-Power-Bewegung zwischen 2008 und 2017 insgesamt 71 Prozent der terroristischen Attentate in den USA begangen haben, Islamisten 26 Prozent. Vergangenen Monat sagte FBI-Direktor Christopher Wray bei einer Anhörung im Kongress, er halte den rechtsextremen Terror für die größte Bedrohung.

Die Rechtsextremen sind gut vernetzt, besuchen dieselben Websites. Sie besitzen oft Waffen und knüpfen Kontakte weit über Amerika hinaus. Dennoch hatten die Sicherheitsbehörden Patrick Crusius nicht auf dem Radar. Das hat auch mit Donald Trump zu tun. Aber nicht nur.

Es ist sehr schwer, Anschläge von Einzeltätern, sogenannten einsamen Wölfen wie Crusius, vorab zu erkennen. Um Terrorpläne zu verhindern, müsste man ein riesiges, dezentrales rechtsradikales Netzwerk zerstören, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Doch die staatlichen Instrumente dazu hat Donald Trump in den vergangenen Jahren geschwächt, in Teilen sogar ganz beseitigt.

Das Ministerium, das in erster Linie dafür zuständig ist, terroristische Bedrohungen zu erkennen und sie zu bekämpfen, ist das Heimatschutzministerium. Katharine Gorka, die Frau des Verschwörungstheoretikers Alexander Gorka, ist dort Beraterin und hat mit ihren Umbauvorschlägen wesentlich zu den gegenwärtigen Problemen beigetragen. Zuerst wurde die Abteilung gestutzt, deren Aufgabe es ist, gewaltbereiten Extremismus an den Wurzeln zu bekämpfen. George Selim, der diese Abteilung geleitet hat, erzählt am Telefon, dass sein Budget von 21 Millionen Dollar auf drei Millionen zusammengestrichen wurde, von 25 Mitarbeitern blieben zwölf. Die Unterstützung für lokale Aussteiger-Projekte und für Internet-Plattformen, die Jugendliche vor dem Extremismus schützen sollten, wurde abgeschafft. "Die Trump-Regierung", sagt Selim, "hat die gesamte Struktur, die eine Radikalisierung verhindern sollte, beseitigt." Vergangenen Sommer wurde die Abteilung für Inlandsterrorismus geschlossen, und die letzten beiden Experten für Rechtsextremismus und die White-Power-Bewegung wurden versetzt. Im Gegensatz zum FBI meint die Trump-Regierung, die größte Gefahr für Amerika sei nicht der rechtsextremistische, sondern der islamistische Terror.