Beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages ist gegenwärtig die Petition 89118 anhängig. Der Bundestag möge beschließen, so heißt es dort, "dass der Holodomor in der Ukraine in den Jahren 1932–1933 ein Genozid an dem ukrainischen Volke, verursacht durch das sowjetische Regime unter der Führung von Stalin, ist!". Das notwendige Quorum von 50.000 Stimmen wurde erreicht, sodass sich das Parlament nun damit befassen muss. Der Ausgang der Debatte wird dabei weniger von historischen Einsichten als von politischen Erwägungen abhängen. Schließlich gehört die als Holodomor (ukrainisch für "Tötung durch Hunger") bezeichnete Hungersnot 1932/33 zu den vielen ungelösten Konflikten im russisch-ukrainischen Verhältnis. Deshalb wird jegliche Entscheidung darüber zwangsläufig als Parteinahme für die eine oder die andere Seite verstanden werden.

Konzentriert man sich auf die historischen Ereignisse, so zeigt sich, dass von einem geplanten Genozid an der ukrainischen Nation keine Rede sein kann. Obgleich die Völkermordthese seit Jahrzehnten mit großer Vehemenz vertreten und von mehreren Staaten, darunter Australien, Kanada, Polen und die USA, anerkannt wurde, wird sie dadurch nicht richtiger. Das Argument hat vor allem einen entscheidenden Schwachpunkt: Es war nicht allein die Ukraine, die von der Hungersnot der Jahre 1932/33 heimgesucht wurde. In der gesamten Sowjetunion mangelte es in diesen Jahren an Nahrungsmitteln, und in manchen Regionen herrschte ein ebenso verheerender Hunger wie in der Ukraine. Insgesamt starben fünf bis sieben Millionen Menschen am Hunger oder an damit verbundenen Krankheiten. Mit über drei Millionen Toten war die höchste Zahl an Opfern in der Ukraine zu beklagen. Doch relativ zur Gesamtbevölkerung war das zentralasiatische Kasachstan am schlimmsten betroffen. Hier kamen rund 1,5 Millionen Menschen ums Leben, etwa ein Drittel der Kasachen.

Auch in Russland, unter anderem an der Wolga, im Nordkaukasus oder in Teilen Sibiriens, hungerten die Menschen. Und sie litten aus genau den gleichen Gründen wie die Bauern in der Ukraine: Sie wurden in die Kolchosen gezwungen, sie mussten mehr Getreide und Vieh abliefern, als sie besaßen, und sie fielen Kampagnen gegen die sogenannten Kulaken, die vermeintlichen Großbauern, zum Opfer. Auch die Maßnahmen, mit denen die staatlichen Organe versuchten, die Katastrophe unter Kontrolle zu bekommen, ähnelten einander überall. Hungerflüchtlinge wurden am Verlassen ihrer Heimatregionen gehindert oder zurückgeschickt. Unterstützung erhielten nur jene, die sich in die Ordnung der Bolschewiki einfügten und leistungsfähig waren. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen: Der grausamen Logik hinter dieser Parole fielen insbesondere jene zum Opfer, die am stärksten vom Hunger betroffen waren. Überall in Stalins Reich.

Der Hunger der anderen stört die Erzählung vom außergewöhnlichen Opfergang der ukrainischen Bevölkerung. Die Anhänger dieser Erzählung versuchen deshalb zu belegen, dass sich die Dynamiken des Hungers in den verschiedenen Teilen der Sowjetunion grundlegend voneinander unterschieden. Zugleich erklären sie, mit der Hungersnot sei ein Anschlag auf die geistige und kulturelle Elite der ukrainischen Nation verbunden gewesen. Besonders prominent wird diese Argumentation von der amerikanischen Historikerin Anne Applebaum vorgetragen, deren Buch über die Hungersnot in der Ukraine auf Deutsch vor Kurzem unter dem Titel Roter Hunger erschienen ist. Die Autorin selbst erklärte im Radio, der Hunger in der Ukraine sei "ein geplanter und angeordneter Massenmord" gewesen.

Überzeugend zeigt sie in dem Buch, dass die sowjetische Führung unter Stalin für den Beginn der Hungersnot und ihren fatalen Verlauf verantwortlich war. Der verhängnisvolle Dreiklang aus Kollektivierung, Enteignungen und Repressionen gegen vermeintliche "Ausbeuter" löste die Katastrophe aus. Fehlende oder zu spät bereitgestellte Hilfsmaßnahmen, vor allem aber der erbarmungslose Zwang, utopische Getreideablieferungspläne zu erfüllen, ließen sie schließlich eskalieren. Applebaum erspart ihren Lesern nichts: Sie schildert, wie die Menschen in den ukrainischen Dörfern ums Überleben kämpften, wie sie hungerten und starben. Manche wurden aus Verzweiflung sogar zu Mördern oder Kannibalen, andere verstießen ihre Kinder. Doch nicht aus Sensationslust wird das Grauen des Hungers hier so detailliert beschrieben, sondern um die Auswirkungen des Mangels auf bäuerliche Gemeinschaften zu verdeutlichen.

Für ihre Darstellung hat Anne Applebaum zu Recht viel Lob erhalten. Dies gilt insbesondere für ihre ausgewogene Position in der strittigsten Frage: Handelte es sich bei der Hungersnot in der Ukraine um einen Völkermord? Obgleich die Historikerin keinen Zweifel daran lässt, dass die bolschewistischen Führer den Tod von Millionen Menschen nicht nur in Kauf nahmen, sondern den Zugang zu Nahrung als Waffe in ihrem Kampf gegen tatsächliche und imaginierte Gegner einsetzten, verwirft sie den Genozidbegriff als analytisch wenig tauglich. Dennoch betont sie in ihrer Darstellung die antiukrainische Stoßrichtung der stalinistischen Politik, bei der es ganz explizit auch um die Zerschlagung einer ukrainischen Nationalbewegung gegangen sei. Die Hungersnot und die mit ihr verbundenen Repressionskampagnen dienten Applebaum zufolge der politischen Vernichtung der Ukraine und der weitgehenden Auslöschung ihres kulturellen Gedächtnisses.

In der Tat: 1933 wurden nicht nur zahlreiche ukrainische Intellektuelle verhaftet, sondern auch innerhalb der ukrainischen Parteiorganisation kam es zu umfangreichen "Säuberungen". Zweifellos nutzten Stalin und seine Gefolgsleute die Krise aus. Doch auch dabei handelte es sich nicht um ein isoliertes Ereignis: Vielmehr kam es auch in anderen Teilen der Sowjetunion zu massiven Repressionen gegen Funktionäre, denen Versagen im Zusammenhang mit der "Versorgungskrise" zur Last gelegt wurde. Überall wurde die Krise dazu genutzt, missliebige Personen aus Institutionen und Apparaten zu entfernen.

Im Lichte solcher Einsichten bleibt nicht mehr viel von der Behauptung, die Ukraine sei in besonderem Maße Ziel stalinistischer Repressionen gewesen und die Hungersnot dort sei gezielt herbeigeführt worden. Warum aber spielen kritische Argumente in der aktuellen Debatte kaum eine Rolle? Zunächst einmal trägt dazu eine geschichtswissenschaftliche Verinselung bei, die sich – nicht nur im Falle der Hungersnot in der Ukraine – darauf beschränkt, ihren jeweiligen Gegenstand allein in den Grenzen sowjetischer Unionsrepubliken zu beschreiben, ohne einen Vergleich mit anderen Regionen anzustellen. Noch wichtiger aber ist ein anderer Aspekt: Die Erinnerung an die Hungersnot in der Ukraine war und ist ein zentraler Anker nationaler ukrainischer Identität. Vor 1991, als innerhalb der Sowjetunion niemand vom Hunger sprechen durfte, waren es ukrainische Diasporaaktivisten in Nordamerika, die die Katastrophe immer wieder thematisierten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion nahm der Holodomor rasch einen prominenten Platz in der ukrainischen Nationalgeschichte ein und wurde zu einem der wichtigsten Bezugspunkte offizieller Identitätsangebote. Je gespannter das ukrainisch-russische Verhältnis war, desto mehr betonte Kiew, dass es sich bei der Hungersnot um einen geplanten Genozid gehandelt habe.

Auch Applebaum scheint die antiukrainische Politik Stalins nachzuweisen. Ihr Buch lässt sich als Beleg für die Kontinuität einer solchen Haltung in Moskau interpretieren. Doch die Hungersnot der Jahre 1932/33 ist dafür ein schlechtes Beispiel. Denn sie war nicht allein eine ukrainische, sondern eine sowjetische Katastrophe.

Anne Applebaum: Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine; aus dem Amerikanischen von Martin Richter; Siedler Verlag, München 2019; 544 S., 36,–