In der fiebrigen Jetztzeit – Seite 1

Die Figuren Burkhard Spinnens, dieses so genau beobachtenden, aber nachsichtigen, dieses sachte ironischen, oft fesselnden, dabei aber den Puls nie zum Rasen bringenden Erzählrealisten, sind immer aus der Mitte der bundesrepublikanischen Gesellschaft gegriffen. Er porträtiert sie dort, wo das Milieu kaum Dramen ausbrütet, das Gleichmaß jedoch gelegentlich unterbrochen wird: Manchmal misslingt eine Jugend, manchmal auch nur ein gesprochener Satz. Spinnens Helden sind die Verlässlichen, die Anständigen, die fürs bürgerliche Durchhalten Erzogenen. Es sind beileibe nicht die Beneidenswerten, denn wer – und schon gar nicht ein Romanautor – würde behaupten, dass die ausgewogene Mitte glücksverheißend sei?

Die Wohlstandsgesellschaft Westdeutschlands, Spinnens literarische Gegend, ist bereits historisch geworden. Mit seinem neuen Roman Rückwind hat sich der Autor in die fiebrige Jetztzeit vorgewagt, in die Epoche der gepimpten Biografien und der flinken Abgänge aus dem sozialen Gefüge. Seinem Erzählen und seinem besonderen, "rettenden" Tonfall hat es allerdings nicht unbedingt gutgetan. Im Schwarzen Grat (2003) konnte der Unternehmer Walter Lindenmaier seinen Kampf gegen die Macht der Globalisierung noch ein Buch lang ausfechten. Hier ist alles vorbei, bevor der Roman einsetzt, mehrperspektivische Techniken des Erinnerns werden fällig, das Geschehen taumelt einem erwarteten, aber lang hinausgezögerten Ende entgegen. Alles ist, dem Zeitgeist entsprechend, ins Grelle, Überspannte gesteigert, und der Leser argwöhnt bereits, mit der üblichen Zeit- und Medienkritik konfrontiert zu werden. Die Geschichte wirkt wie mit der Handkamera verfolgt: Reality.

Wieder ist ein deutscher Unternehmer der Spinnensche Held, diesmal ein schnittiger Erfolgstyp, klug, schwerreich, politisch ambitioniert, nicht einmal unsympathisch. Hartmut Trössner erbt eine Maschinenbaufirma, besitzt eine gute Witterung fürs Geschäft und sattelt auf Windräder um. Nach wenigen Jahren führt er ein Weltunternehmen an, er geht an die Börse, berät die Bundesregierung in Fragen alternativer Energieerzeugung und wird zu einem Öko-Popstar, ohne sich mit der entsprechenden Weltanschauung gemein zu machen. Er heiratet eine sehr beliebte Schauspielerin und zeugt mit ihr einen Sohn. Er macht alles richtig. Jedermann liebt dieses Paar. Die Ökos sind schon drauf und dran, ihm zu verzeihen, dass er ein Kapitalist ist. Dann verliert Trössner an einem Tag Frau und Kind. Sein Imperium wankt zu diesem Zeitpunkt bereits; es bricht vollends zusammen, nachdem er, schwer traumatisiert, in einer psychiatrischen Klinik verschwand.

Der Leser stößt auf ihn, als er gerade ausgebüxt ist. Anwälte und Reporter sind ihm auf den Fersen, doch nun löst er eine Fahrkarte nach Berlin. Im Zug trifft er eine junge Frau. Es ist keine Zufallsbekanntschaft, das spürt er. Sie fragt ihn aus, er lässt es zu, sie spielen ein Erinnerungs-, ein Geständnis- und Bekenntnisspiel, freilich nach seinen Regeln, und sie setzen es in Berlin fort. Fast 400 Seiten lang erzählt dieser moderne Hiob von seinem Leben vor und während dieses ominösen Tages, an dem seine Welt unterging.

Mit der Frau – wer sie wirklich ist, bleibt letztlich unbestimmt – zieht er sodann durch eine Hauptstadt, die ihn früher feierte. Trössner besitzt eine Pistole, er ist auch entschlossen, sie zu benutzen, jedenfalls sagt er das. Er sammelt frühere Kollegen seiner Frau ein. Denn die Bundesrepublik wird bei Spinnen gerade von einer TV-Serie über den Aufstieg einer populistischen Partei in Atem gehalten. Ihr Star war Trössners Frau. Die Partei ist christlich, doch sie kommt ohne Gott aus, sie peitscht den Menschen Moral ein, ohne sie zu zwingen, an etwas zu glauben. Ein Schelm, wer dabei an die Grünen denkt.

Selbstverständlich beginnt das Publikum nach einer Weile, Fiktion und Realität zu vermischen. Ungewollt macht das Format echte Politik, und nun wird der Parteichef, gespielt vom Großmimen Siblewski, von Trössner streng befragt, was er von seinem Schicksal halte und ob Sinn in seinem Leiden liege. Siblewski ist ratlos, erklärt sich in theologischen Fragen für unzuständig. Alle werden ins Bundesfinanzministerium bugsiert. Dort findet dann der Showdown statt.

Das klingt ziemlich nach Pulp, aber dazu sind Spinnens Figuren doch zu präzise konstruiert und der Wirklichkeit abgelauscht. Man kennt den Typus des zum gesellschaftlichen Guru aufsteigenden Wunderunternehmers aus der Schröder- und Post-Schröder-Ära. Auch seine Untergänge.

Die Nebengestalten sind brillant charakterisiert

Dass keine verpflichtende Version von politischer Wirklichkeit mehr existiert, ist beinahe Konsens geworden; woanders regieren die Komödianten bereits. Indem jetzt die gesetzliche Subventionierung der Windkraft ausläuft und die Entsorgung von Windrädern ein riesiges ökologisches Problem hinterlässt, wählte Spinnen sogar den besten Zeitpunkt für die Veröffentlichung seines Romans.

All das hat einen hohen Wiedererkennungswert. Ein plausibles literarisches Thema ist es ebenso, zu fragen, was der existenzielle Riss im Leben bedeutet, in einer Welt, die einerseits keine Sinnhorizonte mehr eröffnet, andererseits aber beliebig viele, wenn auch banale oder verrückte.

So klug das Buch im Ganzen sein mag – Spinnen fädelt geschickt das Theodizeeproblem in eine zeitgerechte Fabel ein –, so wenig berührt einen dieser Windrad-Virtuose Trössner am Ende. Im Verlauf wird er irgendwann zu einer überdeterminierten literarischen Gestalt: Romanheld, Vertreter des Zeitgeistes, philosophisches Exempel. Der Autor lädt ihm zu viel Bedeutung auf die strapazierten Schultern, er nimmt seiner Figur die Individualität – und die will sie doch behaupten, darum geht es hier.

Am Beginn kommentiert noch eine Stimme die Handlungen und Worte des Protagonisten, eine Art Daimonion. Doch löst sich diese Erzählebene langsam auf, sie vermickert funktionslos im Spannungsaufbau. Und die Frauen? Schemen mit Vorgeschichte. In Wahrheit bilden sie keine Kontrastfiguren für den Helden, was etwas über dessen Charakter aussagt, aber die Geschichte nicht plastischer macht.

Wie stets in Spinnens Romanen sind die Nebengestalten brillant charakterisiert. Vorzüglich gelingt es, den Handlungsknoten zu schürzen: fernsehserienreif. Man hätte sich dieses Buch womöglich kürzer, konziser gewünscht – ein Pageturner ist es allemal.

Burkhard Spinnen: Rückwind; Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019; 400 S., 24,– €