Dass keine verpflichtende Version von politischer Wirklichkeit mehr existiert, ist beinahe Konsens geworden; woanders regieren die Komödianten bereits. Indem jetzt die gesetzliche Subventionierung der Windkraft ausläuft und die Entsorgung von Windrädern ein riesiges ökologisches Problem hinterlässt, wählte Spinnen sogar den besten Zeitpunkt für die Veröffentlichung seines Romans.

All das hat einen hohen Wiedererkennungswert. Ein plausibles literarisches Thema ist es ebenso, zu fragen, was der existenzielle Riss im Leben bedeutet, in einer Welt, die einerseits keine Sinnhorizonte mehr eröffnet, andererseits aber beliebig viele, wenn auch banale oder verrückte.

So klug das Buch im Ganzen sein mag – Spinnen fädelt geschickt das Theodizeeproblem in eine zeitgerechte Fabel ein –, so wenig berührt einen dieser Windrad-Virtuose Trössner am Ende. Im Verlauf wird er irgendwann zu einer überdeterminierten literarischen Gestalt: Romanheld, Vertreter des Zeitgeistes, philosophisches Exempel. Der Autor lädt ihm zu viel Bedeutung auf die strapazierten Schultern, er nimmt seiner Figur die Individualität – und die will sie doch behaupten, darum geht es hier.

Am Beginn kommentiert noch eine Stimme die Handlungen und Worte des Protagonisten, eine Art Daimonion. Doch löst sich diese Erzählebene langsam auf, sie vermickert funktionslos im Spannungsaufbau. Und die Frauen? Schemen mit Vorgeschichte. In Wahrheit bilden sie keine Kontrastfiguren für den Helden, was etwas über dessen Charakter aussagt, aber die Geschichte nicht plastischer macht.

Wie stets in Spinnens Romanen sind die Nebengestalten brillant charakterisiert. Vorzüglich gelingt es, den Handlungsknoten zu schürzen: fernsehserienreif. Man hätte sich dieses Buch womöglich kürzer, konziser gewünscht – ein Pageturner ist es allemal.

Burkhard Spinnen: Rückwind; Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019; 400 S., 24,– €