Ferienerinnerungen: Das Dorf in Kampanien; die Autorin als Kind auf dem Schoß ihres Onkels; der "caffé" auf der Piazza; ein einsamer Fiat 500 © privat

Die beste Medizin gegen Herzschmerz aller Art ist eine Reise nach Italien. Genauer gesagt: ein Zug nach Neapel. Gefolgt von einer kurzen Autofahrt nordwärts, ins Hinterland von Kampanien, in ein Dorf auf einem Hügel. Dort ein paar flache Treppenstufen eine enge Gasse hinunter. Und schließlich an den Küchentisch meiner Tante, Zia Rosa, auf dem eine Schüssel steht, gefüllt mit Peperonata.

Wenn man Verwandtschaft einzig als Frage des Blutes betrachtet, ist Zia Rosa gar nicht meine Tante. Die Verhältnisse in meiner Familie sind kompliziert, aber in Kampanien hat man es gern einfach. Und so hat die fehlende Blutsverwandtschaft meine Tante nie daran gehindert, mich so zu behandeln, als wäre ich ihre Nichte. Und ich vergötterte sie vom ersten Augenblick an. Und ihre Peperonata dazu.

Wie alt ich war, als ich das erste Mal in das Dorf auf dem Hügel fuhr, weiß ich nicht mehr. Aber ich muss sehr klein gewesen sein. Denn die Wassermelonen, die Zia Rosa in ihrem Gemüse-, und Früchteladen verkaufte, schienen viel größer als ich.

In Italien schien schon immer alles viel größer als ich. Die Wassermelonen. Der Himmel. Das Glück. Denn: Waren wir im Süden, verwandelte sich meine komplizierte Familie. Und zwar zum Guten.

Mein Vater, der Piemonteser, wurde zum Neapolitaner. Einer, der mit der rosaroten Gazzetta dello Sport unter dem Arm durch das Dorf schlenderte. Und in der Bar Italia auf der Piazza in aller Ruhe seinen Kaffee trank. Das war in dem Sinn bemerkenswert, als dass mein Vater, ein Fabrikarbeiter, die meisten Tage seines Lebens hart war. Zu sich und zu allen anderen. Es war die Härte eines Arbeiterkindes, dem im Leben nichts in die Wiege gelegt und nie etwas geschenkt worden war.

Italien verwandelte aber auch meine Schweizer Mutter. Braun gebrannt und mit Haaren wie ein Weizenfeld war die bionda die Sensation des Dorfes. Ich spürte die Blicke, wenn ich an ihrer Hand einkaufen ging. Meine Mutter spürte sie sicher auch. Denn ihre blauen Augen wurden noch blauer. Und weniger traurig. Am Morgen weckte sie uns mit fröhlichem Gesang.

Das reichte mir, um Italien mit der ernsten Inbrunst zu lieben, wie das wohl nur Kinder können – und Italien liebte mich zurück.

Es schenkte mir einen gewissen Sinn für Ästhetik und die Fähigkeit zur Hingabe.

Es schulte meinen Gaumen. Zeigte mir Gelato all Amarena, Crodino, den Unterschied zwischen gutem und schlechten Kaffee und den Weg zur perfekten Bolognese.

Italien schulte mein Ohr für Musik. Gab mir seine Arien und Lieder, Liedertexte wie Gedichte, ein unerschöpflicher Vorrat an Zitaten für jede Lebenslage. Niemand singt schöner über die Liebe. Keine Landeshymne war je ergreifender.

Italien zeigte mir Sophia Loren und Marcello Mastroianni. Anna Magnani und Vittorio Gassman.