Deutschland im Jahr 2019 zu erkunden ist wie eine Sommertour auf einem Eisberg, der im Ozean treibt. Gigantisch liegt er da, das Eis glitzert im Sonnenlicht. Doch als Besucher sollte man besser Tauchgerät dabeihaben. Denn unter dem kleinen Teil, der sichtbar aus dem Wasser ragt, lauern die Untiefen. Es lohnt sich, hinabzutauchen. An der Oberfläche ist Deutschland 2019 ein Erfolgsland. Nach neun guten Jahren ist die Arbeitslosigkeit rekordniedrig, die Menschen sind zufrieden. Doch die guten Jahre haben nicht nur Wohlstand erzeugt, sondern auch Selbstzufriedenheit und Untätigkeit von Politik und Konzernen. Unter der Oberfläche ist das Land erstarrt. Es fehlt die Zuversicht.

Ein guter Indikator für Zuversicht sind die Investitionen. Normalerweise sollten Jahre des Wachstums dazu führen, dass die Unternehmen begeistert sind. Das Geld sollte ins Land fließen, Standorte gebaut, Produktionskapazitäten erweitert werden. In einem Technologieland sollten Firmen sich auf neue Geschäftsfelder wagen, Entdeckungen auf den Markt bringen. Innovation braucht Investition. Und, ja, die Unternehmen haben in Deutschland zuletzt wieder mehr investiert. Doch das ist nicht zu vergleichen mit früheren Boomphasen wie etwa Ende der 1970er-Jahre, Anfang der 1990er oder im Jahr 2000.

Neun gute Jahre

Deutschlands Wirtschaftswachstum zwischen 2008 und 2018 in Prozent

© Quellen für die Infografiken: Deutsche Post, Ernst&Young, IWF, Measuring Economic Policy Uncertainty, Statistisches Bundesamt, Weltbank

"Wir waren zu erfolgreich", diagnostiziert der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum. "Man dachte: bloß nichts ändern." Das galt für die Industrie, wo etwa die Autohersteller zu spät auf neue Antriebe setzten. Und das galt für die Politik, die mit Themen wie der Mütterrente und der Rente mit 63 darauf setzte, es den Leuten gemütlich zu machen. Kurz: Die Wirtschaft lief zwar gut, trotzdem war keiner bereit, das Geld in die Zukunft zu investieren. Das hat auch mit der Erwartung zu tun, dass die Gesellschaft schon bald stark altert. "Deutschland hat sich gedanklich in eine Art Altersheim transformiert", sagt Südekum. Andere Länder gelten als jünger, innovativer und beweglicher. "Wenn das die Geisteshaltung ist, überrascht es nicht, wenn wir bald schrumpfen."

Damit kann man sich abfinden und als Altersheim mit angeschlossener Werkbank langsam in die ökonomische Bedeutungslosigkeit verschwinden: Deutschland als Labor der Degrowth-Bewegung. Dann allerdings entstehen die interessanten Arbeitsplätze der nächsten 20 Jahre anderswo, und angesichts solcher Aussichten werden sogar Ökonomen pathetisch: "Das möchte ich meinen drei Kindern wirklich nicht antun", sagt Felbermayr.

Und nun abgehängt

Prognose des Wirtschaftswachstums 2019 verschiedener europäischer Länder

© ZEIT-Grafik

Besser das Land geht es an. Nur wo anfangen?

Der erste große Vorteil im Jahr 2019 ist, dass es dieses Mal, anders als etwa Anfang der 2000er-Jahre, nicht um die Sozialsysteme geht. Dieses Mal gibt es die Chance, etwas zu tun, bevor die Arbeitslosigkeit hochschießt und die Systeme auf die Probe stellt. Der zweite große Vorteil ist, dass es geht. Deutschland ist nach Ansicht vieler Unternehmer und Ökonomen vor allem aus einem Grund erstarrt: weil die Politik stillsteht. Über Zukunftsfragen wird geredet, geredet, geredet. Ginge es nach den Reden, wären wir vorn dabei. Aber es wird kaum entschieden, und wenn, dann zaghaft.

Beispiel Auto: Obwohl sich das Land spätestens seit der Dieselkrise damit befasst, wie es weitergeht mit der Mobilität, hat die Politik bislang beinahe nichts entschieden. Statt Städte umzubauen, zukünftige Trassen und Stromtankstellen zu planen, Anreize für Investitionen zu schaffen und ihr Verhältnis zur Autoindustrie zu klären, auch rechtlich, bleibt die Regierung mal vage und mal gestrig. So versuchte das Verkehrsministerium allen Ernstes, eine Ausländermaut, die es in der Form in anderen Ländern seit zig Jahren gibt, als Zukunft zu verkaufen. Stattdessen hätte man sich wenigstens eine smarte Verkehrssteuerung überlegen können.