Das ausladende Gelände, sanft gewellt und begrenzt von Wäldern, das sich zu einer Art natürlichem Amphitheater senkt. Die Wiese, zunächst noch grün, saftig und menschenleer, dann immer voller, bis nichts mehr von ihr zu erkennen ist. Nur noch Menschen, Tausende, Hundert­tausende, und schließlich, nachdem der Regen sein Werk getan hat, Schlamm, Decken, Kleidungsstücke, Planen, Abfall. Man hat die Bilder zigfach gesehen. Hat die Fans gesehen, die Besucherinnen und Besucher, die mit leuchtenden Gesichtern zum Festival­gelände gepilgert sind, kilometerweit zu Fuß, weil mit dem Auto schon lange kein Durch­kommen mehr war und die Zufahrtswege sich in den vielleicht größten Parkplatz aller Zeiten verwandelt hatten. Später all die Körper, die im See baden, nackt, oder im Schlamm.

Auch die Musiker und Musikerinnen hat man gesehen. Richie Havens, den afroamerikanischen Bänkelsänger im sengenden Sonnenlicht in der ­Eksta­se seiner improvisierten Ver­sion des Gospel-Klassikers Some­times I Feel ­Like a Motherless Child, die er aus einer schier endlosen Wiederholung dieses einen entscheidenden Wortes ent­wickelt: freedom. Joan Baez, die ­Jeanne d’Arc des gewerkschaftlich orien­tier­ten Protestsongs, schwanger und mit gekürzten Haaren im nächt­lichen Scheinwerferlicht. ­Canned Heat, Cree­dence Clear­water Revival, Jefferson Air­plane, schließlich Jimi Hendrix, der im Abschlusskonzert am schon fortgeschrittenen ­Montagvormittag in einer Art von postapokalyp­tischer Katharsis vor nur noch wenigen aufmerksamen Zuschauern die Nationalhymne The Star-Spangled Banner zerschreddert und in den Feedbacks seiner Gitarre zu einer Allegorie auf die Feuerkraft moderner Armeen umschmilzt.

Ja, man hat das alles gesehen, und doch bleiben die Bilder auch in der Wiederholung lebendig. Woodstock – antikommerziell und kommerziell zugleich, ein Erlebnis und eine Zumutung in einem, dieses große ­coming together und falling apart – fordert auch ein halbes Jahrhundert danach jeden heraus, der sich einen Reim machen will auf diese drei Tage des friedlichen Exzesses zwischen dem 15. und dem 17. August 1969, als die große Rinderweide des Milchfarmers Max Yasgur bei Bethel im länd­li­chen Staat New York zum Schauplatz eines Festivals wurde, wie man es zuvor nicht kannte. Seinen Namen verdankt es im Übrigen der wiederbelebten Künstlerkolonie 70 Kilometer weiter nördlich, wo das Ganze ursprünglich stattfinden sollte. Doch Anwohner verhinderten das Festival in ihrem Ort, und auch in Wallkill, dem Ausweichstandort, gab es "besorgte Bürger". Schließlich kam das Grundstück bei Bethel ins Spiel. Nun musste es schnell gehen: Nur ein Monat blieb noch, um die Anlagen aufzubauen – da langte es nicht mehr für einen Zaun, und damit war die ­Finanzplanung Makulatur, da sich das Eintritts­geld nun nicht mehr abkassieren ließ.

Woodstock - 50 Jahre Sommer der Liebe 400.000 Menschen feierten beim Woodstock-Festival vor 50 Jahren friedlich miteinander. Als Sinnbild dafür wurde ein Foto eines sich umarmenden jungen Paares weltberühmt. © Foto: Archive Photos/Getty Images

Woodstock Music & Art Fair presents an Aquarius Exhibition – 3 Days of ­Peace & Music, wie das Festival mit vollem Namen hieß, war ein Großereignis, auf dem sich eindrucksvoll die neue, sich von der Erwachsenenwelt abschottende Jugendkultur zeigte, wie sie erst in den beiden Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg hatte entstehen können. Ein steter Zuwachs an Wohlstand und Freizeit und die zunehmende Mobilität hatten den Jugendlichen als neuen sozialen Typus hervor­gebracht, mit dem Bedürfnis nach Selbstausdruck, Konsum und Zukunft. Und in vielen – wenn nicht allen – Ländern der industrialisierten Welt wurde die Jugend rebellisch, ließ die Haare wachsen oder schnitt sie ab, entgegen den überlieferten Gen­der-­Codes, setzte sich auf Motorräder oder in Autos, drehte das Radio auf, feierte nach der Erfindung der Antibabypille eine neue sexuelle Frei­zügig­keit und gefiel sich darin, ihren Einspruch gegen die eingefahrenen Regeln der durchver­walteten Welt der Erwachsenen musikalisch und modisch in Szene zu setzen.

Zugleich wurde diese Jugend zu einer neuen Zielgruppe, mit Konsumbedürfnissen, deren Reiz weit über das Jugendalter hinausstrahlte. Bis 1969 waren die Musik, die Frisuren und die lässigen, farbenfrohen Klamotten der Aufbegehrenden längst in den Alltag weiter Kreise der Bevölkerung eingesickert. Auf Bildern, die die Ankunft der Festivalgäste dokumentieren, sind die neugierigen Dorfbewohner am Straßenrand nicht viel anders gekleidet als die Besucher.

Zusätzliche Schärfe hatte die jugendliche ­Rebellion bekommen, als die USA begannen, Rekruten für den Viet­nam­krieg einzuziehen, und damit den männlichen Teil der Jugend dem Gefühl aussetzten, jederzeit zum gemeinsamen Sterben und Töten einberufen werden zu können. 1968 dann zerstörten die politischen Morde an dem afroamerikanischen Prediger und Bürgerrechtler Martin Luther King und dem liberalen Präsidentschaftsbewerber Robert Kennedy den letzten Glauben an einen Wandel zum Besseren durch eine gewandelte Politik.

Bei Woodstock feierte diese rebellische US-­Jugend im Sommer 1969 ihre Generalversammlung und nahm zugleich Abschied von gemeinsamen politischen Ambitionen, die über die spontane Selbstbefreiung im Augenblick hinauswiesen – das im Musical Hair beschworene age of aquarius, das Zeitalter des Wassermanns, war angebrochen. Und alle waren sie gekommen, die Studenten und Beat­niks, die sanften Folkies mit ihrer Nähe zur Bürgerrechtsbewegung und die Aussteiger aus den zahlreichen Landkommunen, die irgendwo in den Weiten des Landes ihrem Traum vom authentischen Leben in Einklang mit der Natur nachspürten. Scharen von Männern und Frauen, friedfertig und harmlos – und fast alle, das fällt heute mehr auf denn je: weiß. Die Blumenkinder von Haight-­Ash­bury waren da und die LSD-berauschten Acid-­Heads mit ihrem ­tune in, turn on and drop out. Auch die Freaks und die Yippies reisten an, die an theatralischen Aktionen interessierten Polit-Aktivisten, die sich im Jahr zuvor beim Parteitag der Demo­kraten in Chicago nächtelange Straßenschlachten mit der Polizei geliefert hatten.

Auf dem Festival war unmittelbarer Polit-­Aktivismus unerwünscht. Deutlich führte dies der Auftritt von The Who vor Augen. Spät, sehr spät in der Nacht auf Sonntag war die Bühne endlich frei für die bekanntermaßen aggressive britische Rockband, die am Mittag mit dem Helikopter eingeflogen worden war. Als sie um fünf Uhr morgens endlich spielen konnten und ­Pete Towns­hend, der Gitarrist, kurz zu seinem Verstärker trat, um irgendetwas nachzuregeln, stürmte der Polit-Aktivist und Marcuse-Schüler Abbie Hoffman, einer der Mitgründer der Youth International Party, auf die Bühne und setzte zu einer Rede gegen die In­haftierung John Sinclairs an, des Gründers der linken ­White Panther Party und Managers der Proto-Punkband MC5 aus Chicago. Auf Ton­mitschnitten ist zu hören, wie Towns­hend Hoffman anfährt: "Fuck off my fucking ­stage!" Zustimmende ­Geräusche aus dem Publikum. Dann ein dumpfer Schlag, als fege Towns­hend den Agitator mit der Gitarre von der Bühne. Die Zuschauer johlen. Kunst schlägt Politik.