Bis zum ersten Mal der Nahles-Sound ertönt, dauert es 20 Minuten: "Ich hoffe, dass hier irgendwann einer steht und sagt: Stellt euch mal vor, bis zum Jahr 2022 haben die doch allen Ernstes nicht 50 zu 50 Frauen und Männer in den Parlamenten gehabt!", ruft Andrea Nahles. "Aber diesen Punkt haben wir nicht erreicht, Leute! Im Gegenteil, es geht wieder rückwärts!"

Andrea Nahles trägt einen blau gestreiften Blazer, gut sieht sie aus, die Locken wippen wieder ungeglättet und unternehmungslustig, und je länger sie redet, desto mehr lacht sie.

Nahles ist nach Maria Laach gekommen, um einen Vortrag zum Grundgesetz zu halten und zum Stand der Gleichberechtigung. So steht es im klösterlichen Programm.

Das Kloster liegt in der Nähe ihres Heimatorts. Nahles, gläubige Katholikin und Mitglied im Zentralrat der Katholiken, hat hier viel Zeit verbracht. Viele der zumeist weißhaarigen Gäste kennen die 49-Jährige persönlich, viele duzen sie, die meisten reden von "der Andrea". Einige haben persönliche Briefe an Nahles mitgebracht. Unter den Zuhörern sind auch Juristen, aber viele dürften gekommen sein, um einfach mal zu sehen, wie es der Andrea so geht. Nach alldem. Nach all dem, ihrem Rücktritt und ihren weiteren Plänen soll aber bitte nicht gefragt werden, das hat ihr Büro vorab klargestellt.

Die große Frage also, die seither im Raum steht, wird nicht gestellt und nicht beantwortet an diesem Abend: Was ist bloß passiert? Was ist passiert, dass eine wie Andrea Nahles aufgibt? Eine, die es sehr ernst gemeint hat mit der Politik, schon in der Uni war das so. Eine, die SPD-Chefs wie Gerhard Schröder ins Wanken und andere wie Rudolf Scharping oder Franz Müntefering zum Umfallen gebracht hat. Eine, die sich selbst im Lauf des Abends bescheinigt, sie sei ein "Organisationsmensch": Gewerkschaft, katholische Kirche, Partei. Die sich so oft hoch- und durchgekämpft hat: Jungsozialistin in einem tiefschwarzen Wahlkreis, erste weibliche Juso-Vorsitzende, jüngste Arbeitsministerin, erste Frau an der Spitze der SPD.

Einiges wird man im Lauf des Abends trotzdem darüber erfahren, wenn auch mehr indirekt. Vieles kann man ahnen.

Ein "Rollback" stellt Nahles also fest und erinnert daran, dass seit 1949 ein so schöner, klarer, schnörkelloser Satz im Grundgesetz steht wie: "Männer und Frauen sind gleichberechtigt." Trotzdem sei es möglich gewesen, dass der Bundesgerichtshof 1958 urteilte, bei Meinungsverschiedenheiten sei die Meinung des Gatten maßgeblich, weil höherwertig. Bis 1977 durften Frauen ohne Erlaubnis des Mannes nicht arbeiten, erst 1997 wurde Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt, obwohl auch damals noch viele meinten, so etwas gebe es ja gar nicht. Das Publikum lacht ungläubig-wissend, die meisten dürften sich noch ganz gut erinnern.

Ob sie sich noch an den Fragebogen erinnere, will ein Mann wissen, den Nahles ihm vor Jahren einmal gegeben habe. Klar, antwortet Nahles, das sei doch der gewesen, für den die Ortsverbände bei ihren Sitzungen stoppen sollten, wie lange die Frauen reden und wie lange die Männer. Die Männer seien dann selbst erstaunt gewesen, dass sie drei Viertel der Redezeit in Anspruch nahmen. Eine habe allerdings damals den Schnitt versaut, erinnert sich Nahles grinsend. Das sei sie gewesen.

Lange habe sie gedacht, dass es immer besser werde mit der Gleichberechtigung: "Wir wurden mehr, wir wurden selbstbewusster, es wurde selbstverständlicher." Was aber die innersten Zirkel angehe, da seien die Frauen "wieder draußen" gewesen. Klar, so viele innere Zirkel habe es irgendwann nicht mehr gegeben, in denen sie nicht auch gewesen sei. "Aber immer noch zu viele."

Ob sie in ihrem beruflichen Leben den Eindruck gewonnen habe, dass Frauen und Männer real gleichberechtigt seien, will eine Zuschauerin wissen. Die Antwort fällt kurz aus und kommt spontan: "Zu keinem Zeitpunkt!"