Vor gut zwanzig Jahren lief auf dem Festival von Cannes ein Film namens Plätze in Städten. Er zeigt, genau das, was sein Titel sagt. Etwa das weitläufige Berlin, die Brachen, das Grün. Dann das dicht bebaute Paris, graue Steine, gläserne Bushaltestellen. Eine Stadt, in der auch die U-Bahn anders klingt.

In dem Film folgt die Regisseurin Angela Schanelec einer Schülerin, Mimmi, die kurz vor dem Abitur steht. Wir sehen, wie sie mit einem jungen Mann spricht, der in sie verliebt ist. Wie sie Fahrrad fährt, sich mit ihrer Mutter streitet, mit einer Freundin tanzt. Einmal steht Mimmi in der Küche und isst ein Brot. Durchs Fenster fällt das Berliner Winterlicht, aus dem Kassettenrekorder erklingt der Song Guilty by Association von Vic Chesnutt, und Mimmi kaut und sinnt vor sich hin. Man könnte auch sagen: Die Kamera lässt einer Figur die Zeit, eins zu sein mit dem, was sie tut.

Bevor ich diesen Film von Angela Schanelec sah, hatte ich auf der Leinwand noch nie einen Menschen so physisch in einem Raum wahrgenommen. Oder so deutlich gespürt, wie das Leben in ein Bild einziehen kann. Die Begegnung mit Schanelecs Kino war auch die Begegnung mit einer anderen, freien Art des Erzählens. Mit einem Blick, der immer miterzählt, dass ein Bild eine Wahl ist. Oder auch eine Entscheidung für die Schönheit eines Ausschnitts, einer Bewegung: In ihrem 2001 entstandenen Film Mein langsames Leben gibt es eine eindrückliche Fahrt (Kamera: Reinhold Vorschneider) an Bäumen entlang, während man im Hintergrund die Figuren sieht. Eine Frau erzählt einem Mann, dass ihr Freund eine Affäre hat. Die Kamera lässt die Figuren am Bildrand zurück und gleitet weiter. Plötzlich erfüllt ein Baumstamm in ganzer Breite die Leinwand und mit ihm das Rauschen der Blätter.

Wahrscheinlich könnte man einen Film von Angela Schanelec schon am Licht erkennen. Es ist transparent und klar und scheint den Figuren irgendwie beizustehen.

Das Glück meiner Schwester, Marseille, Orly, Der traumhafte Weg – Angela Schanelecs Filme handeln von Menschen in Städten und ihren sich wandelnden Lebens- und Liebesgefühlen. Zwei Schwestern lieben denselben Mann. Eine junge Fotografin reist nach Marseille, ohne zu wissen, was sie dort sucht. Zwei Paare gehen auseinander, und ihre Wege werden von der Kamera weitererzählt. Was diese Filme verbindet, ist eine fast philosophische Einsicht in die absolute Zufälligkeit und Undurchschaubarkeit des Lebens. Und der Versuch, die Mittel des Kinos – Licht, Ton, Sprache, Räume, Körper – auf sinnliche Weise selbst erzählen zu lassen, statt sie als bloße Illustration einer Geschichte zu benutzen.

An einem Julitag sitzt Angela Schanelec im Garten des Berliner Café Einstein. Unter den Füßen der Kellnerinnen knirscht der Kies, und man fragt sich, ob man das so wahrnimmt, weil man es auch in einem Schanelec-Film deutlich hören würde. Wir haben uns verabredet, um über ihren neuen Film zu sprechen, Ich war zuhause, aber…, mit dem sie auf der vergangenen Berlinale den Silbernen Bären für die Regie gewann. Gespräche mit Schanelec sind besonders, weil sie ihre Filme nicht interpretieren oder auf ihre eigenen Befindlichkeiten zurückführen will oder kann. "Ich bin völlig unfähig, aus meinen Filmen Schlüsse für mein Leben zu ziehen", sagt sie, "und vielleicht ist das auch mein Problem."

Auf der Pressekonferenz während der Berlinale wurde Angela Schanelec von Journalisten auf den Prolog ihres Films angesprochen, in dem ein Hund und ein Hase über eine Wiese rennen. Der Hund frisst den Hasen und schläft dann zu Füßen eines Esels ein. Man hätte zu diesem Prolog viele Interpretationen auffahren können, von einem berühmten Eselsfilm des französischen Regisseurs Robert Bresson – Zum Beispiel Balthasar – bis zu den Bremer Stadtmusikanten. Aber Schanelec sagte nur: "Ich wollte das einfach sehen. Und ich wollte, dass die anderen das auch sehen."