ZEIT: Warum ist es überhaupt ein Problem, dass die Meinungen der Menschen auseinanderdriften und sie nicht mehr miteinander reden?

Falk: Es bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Grundvoraussetzung für eine Demokratie ist es, Argumente auszutauschen, Differenzen anzuerkennen und abweichende Positionen zu akzeptieren. Noch mag das Maß an Polarisierung in Deutschland nicht die Demokratie ­gefährden, aber es birgt das Potenzial für eine Abwärtsspirale. Und wir sollten alles tun, um dem zu begegnen. Gleichzeitig gibt es erstaunlich wenig Studien, die ganz konkret zeigen, was die Polarisierung abschwächt.

ZEIT: Nun haben Sie gemeinsam mit Ihren Kollegen Lasse Stötzer und Sven Walter untersucht, ob die Aktion "Deutschland spricht" gegen Polarisierung geholfen hat. Die Studie, die der ZEIT vorliegt, wird in Kürze veröffentlicht. Was ist das Ergebnis?

Falk: Dass bereits ein zweistündiges Gespräch ­zwischen Menschen mit völlig unterschiedlichen ­politischen Ansichten reicht, um die Polarisierung abzuschwächen. Das Treffen hat Vorurteile gegenüber Andersdenkenden abgebaut: Nach dem Gespräch hielten Teilnehmer Menschen mit anderen Ansichten im Schnitt für weniger inkompetent, ­bösartig und schlecht informiert. Und sie hatten weniger den Eindruck, dass diese völlig andere Werte und Lebensvorstellungen ­haben.

ZEIT: Was ist mit den politischen Einstellungen?

Falk: Die näherten sich einander an. Außerdem ­steigerte das Treffen ihren Glauben an den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

ZEIT: Was genau haben Sie gemessen?

Falk: Die Teilnehmer wurden vor und nach der ­Aktion befragt. Wir haben eine Interventionsgruppe und eine Kontrollgruppe gebildet. Die erste bestand aus Teilnehmern, die tatsächlich ­einen Gesprächspartner getroffen haben, die zweite aus Teilnehmern, die das zwar wollten, bei ­denen das Treffen aber nicht zustande kam. Das erlaubt es uns, den kausalen Effekt des Gesprächs auf die Veränderung der Einstellungen zu messen.

ZEIT: Sie sprechen von Andersdenkenden. Wie war das genau definiert?

Falk: Die Teilnehmer mussten angeben, ob sie Aussagen wie "Deutschland sollte seine Grenzen strikter kontrollieren" oder "Donald Trump ist gut für die USA" zustimmen – anhand von insgesamt sieben Fragen wurden möglichst unterschiedliche Paare für die Gespräche gebildet. Wir haben die Teilnehmer in unserer Befragung dann vor dem Gespräch gebeten, sich jemanden vorzustellen, der genau gegenteilige Standpunkte hat, einen maximal Andersdenkenden also. Schließlich haben wir sie vor und nach dem ­Gespräch zu der fiktiven Person befragt.

ZEIT: Und?

Falk: Das Gespräch hat dazu geführt, dass die ­Teilnehmer weniger Vorurteile hatten und mehr Bereitschaft, die Person in den Bekanntenkreis aufzunehmen. Allerdings galt das nur, wenn die Gesprächspartner in ihren Ansichten besonders weit auseinanderlagen. Wenn ein Grüner beispielsweise einen AfD-Wähler getroffen hat oder jemand, der Mi­gra­tion für unproblematisch hält, mit jemandem gesprochen hat, der sie für den Untergang des Abendlandes hält.

ZEIT: Wie veränderten sich die Einstellungen der eher Gleichgesinnten?

Falk: Da sahen wir eine schwache Tendenz dazu, dass sich ihre Vorurteile verstärken.

ZEIT: Sie sagen, die Bereitschaft habe sich verändert, einen Andersdenkenden im eigenen ­Bekannten- und Freundeskreis zu haben. Die Wahrscheinlichkeit, den beobachteten Effekt zu messen, wenn es in Wirklichkeit gar keinen Effekt gibt, liegt jedoch bei fast zehn Prozent: Das ist ein relativ hoher Wert für eine Fehlerwahrscheinlichkeit.

Falk: Ja, wir sollten bei der Interpretation des ­Effekts vorsichtig sein. Viel wichtiger ist aber: Alle ­anderen Effekte, die zu Stereotypen und politischen Einstellungen beispielsweise, haben nur eine Fehlerwahrscheinlichkeit von unter einem Prozent.