ZEIT: Wenn sich Andersdenkende beim Reden und Zuhören politisch näherkommen, schwächt Diskurs dann die politischen Ränder?

Falk: In der Tendenz legt die Studie nahe, dass die politischen Einstellungen zur Mitte wandern könnten. Aber natürlich wird es immer extreme Positionen geben ...

ZEIT: ... auch weil viele Menschen ja gar nicht reden wollen. Bei "Deutschland spricht" und an Ihrer ­Studie haben nur Menschen teilgenommen, die zur Diskussion bereit waren.

Falk: Ja, die Studie zeigt: Wenn Menschen erst einmal miteinander sprechen, sind die Effekte stark und signifikant. Wie man Menschen zusammenbringt, die nicht sprechen wollen, zum Beispiel weil sie ­extreme Positionen haben und in hermetisch abgeschlossenen Kreisen agieren, ist eine andere Frage.

ZEIT: Zwischen dem Treffen der "Deutschland spricht"-Teilnehmer und der zweiten Befragung lag gerade einmal eine Woche. Die gemessenen Effekte könnten also recht kurzfristig sein.

Falk: Ja. Andere Studien müssen zeigen, wie nachhaltig solche Treffen sind. Wir müssen die Studie als das sehen, was sie ist: ein Machbarkeitsnachweis. Sie zeigt, dass ein Gespräch mit einem Andersdenkenden grundsätzlich hilft, Vorurteile abzubauen und den Glauben an den sozialen Zusammenhalt zu stärken.

ZEIT: Wie lautet Ihr Fazit? Sollten wir seltener mit Gleichgesinnten reden und häufiger mit Menschen, die ganz anders denken?

Falk: Ich weiß nicht, ob das funktionieren wird. Menschen machen nun einmal, was für sie angenehm ist. Sie treffen sich mit ihresgleichen, um sich gegenseitig in ihren Ansichten zu bestätigen. Für viele Akademiker etwa mag es angenehm sein, auf eine Akademikerparty zu gehen, über Donald Trump zu lästern und darauf anzustoßen, dass nun alle ein bisschen weniger fliegen. Ich glaube deshalb, dass wir politische Lösungen brauchen, die Menschen zusammenbringen.

ZEIT: Welche genau?

Falk: Wir brauchen eine massive Ausdehnung der Bildungsausgaben – von der frühkindlichen Bildung über die Schulen bis zur nachschulischen Bildung. Damit Menschen sich in andere hineinversetzen können, müssen sie gut informiert sein und gelernt haben, abstrakt und zusammenhängend zu denken. Außerdem wäre es wichtig, dass die Politik Ungleichheiten abbaut, um die Trennung der Lebenswelten zu verringern. Elternhaus und sozioökonomischer Status bestimmen in Deutschland in skandalöser Weise den Bildungserfolg, zum Beispiel die Aufnahme an einem Gymnasium. Das ist ungerecht und ineffizient zugleich und zementiert die Polarisierung.

ZEIT: Mehr Bildung, genügt das?

Falk: Die Gesellschaft muss Räume schaffen, in ­denen sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen. Der Wehrdienst war ein solcher Raum. Vereine leisten Ähnliches, egal ob es sich um Sportvereine oder politische Vereine handelt.