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Vor der Bundestagswahl 2017 entstand in der ­Redaktion von ZEIT ONLINE die Idee zur Aktion "Deutschland spricht": Mithilfe von ­kontroversen Ja-Nein-Fragen sollten Menschen mit möglichst ­unterschiedlichen politischen Einstellungen zu Vier-Augen-Gesprächen zusammengebracht werden. Etwa 12.000 Menschen nahmen an der ersten Runde des Projekts teil, das mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. 

Im Sommer 2018 riefen ZEIT ONLINE und elf deutsche Medienpartner erneut zur Teilnahme auf, insgesamt 28.000 Menschen meldeten sich an. Diese Ausgabe von "Deutschland spricht" hat der Verhaltensökonom Armin Falk wissenschaftlich untersucht. Die Studie wird in wenigen Wochen veröffentlicht, erste Ergebnisse liegen bereits vor.

DIE ZEIT: Herr Falk, ist überhaupt ein Austausch mit Andersdenkenden nötig, wie er bei "Deutschland spricht" zustande kam?

Armin Falk: Ja, das zeigt doch schon die Nachfrage nach der Aktion. Und Forscher berichten, dass die Bereitschaft, sich auf die Argumente anderer einzulassen, in den vergangenen fünf bis zehn Jahren deutlich nachgelassen hat.

ZEIT: Worauf kommt es beim Gespräch an?

Falk: Zuhören ist wichtiger als Reden. Menschen sollten die Bereitschaft mitbringen, sich in die ­Perspektive, die Zwänge und die Vorstellungen eines anderen Menschen hineinzudenken. Das bedeutet nicht, dass man dessen Positionen teilen muss, sondern dass man anerkannt, dass er etwas mitzuteilen hat. Tun zu viele Menschen das nicht, kann sich eine Gesellschaft polarisieren.

120 Minuten betrug die mittlere Gesprächsdauer der Gespräche bei "Deutschland spricht".

ZEIT: Was verstehen Sie unter Polarisierung?

Falk: Es hilft, eine inhaltliche von einer emotionalen Polarisierung zu unterscheiden. Die inhaltliche Polarisierung läuft entlang von Themen wie Abtreibung, Klimawandel oder dem Umgang mit Flüchtlingen. In einer polarisierten Gesellschaft gibt es etwa weniger Menschen, die Abtreibungen gegenüber neutral eingestellt sind, und viele, die sie entweder deutlich ablehnen oder befürworten.

ZEIT: Was ist eine emotionale Polarisierung?

Falk: Dass wir heute tendenziell Personen, die ­andere politische Überzeugungen haben, geringer schätzen als früher. Wir halten sie für egois­tischer, dümmer, böswilliger, weniger informiert. Der Hass auf Angela Merkel ist ein Beispiel ­dafür. Menschen weisen ja nicht allein Merkels Politik zurück, sondern alles, was sie als Person ausmacht.

ZEIT: Ist Polarisierung denn so neu?

Falk: Nein, das zeigen etwa die Zwanziger- und Dreißigerjahre in Deutschland. Aber seit den Achtzigerjahren dürfte sie zugenommen haben.

ZEIT: Warum?

Falk: Ein Hauptgrund ist, dass die Ungleichheiten in den vergangenen Jahrzehnten größer geworden sind: zwischen Ost und West, aber auch zwischen älteren und jüngeren, bildungsnahen und bildungsfernen oder armen und reichen Menschen. Deshalb haben sich die Lebenswirklichkeiten voneinander entfernt, die prägen, wie wir die Welt sehen. Ein Beispiel: Vor 20 Jahren konnten sich eine Krankenschwester oder ein Aldi-Kassierer eine Wohnung in den Zentren großer Städte noch leisten. Heute sind die Mieten so hoch, dass sie an den Stadtrand ziehen und die Gutverdiener unter sich bleiben.

ZEIT: Das sorgt für Frust.

Falk: Ja, dass Menschen auf die Besser-Wessis, die Jammer-Ossis oder die politischen Eliten schimpfen, ist ein Reflex auf ein Gefühl von Frustration. Es gibt aber einen weiteren, einfachen Grund für die Polarisierung. Menschen umgeben sich lieber mit Menschen, die ihre Ansichten teilen und sie in ihren ­Ansichten bekräftigen. Mit technologischen Neuerungen wie sozialen Medien ist das in den letzten Jahren immer einfacher geworden.

ZEIT: Sie sprechen sogenannte Filterblasen an, dass also viele Menschen ihre Nachrichten über soziale Medien konsumieren, dort fast nur mit Gleichgesinnten verbunden sind und deswegen kaum noch mit Meinungen in Kontakt kommen, die ihrer Weltsicht widersprechen. Viele Experten glauben, dass die Gefahren überschätzt werden.

Falk: Das ist richtig. Die Studienlage legt nahe, dass digitale Filterblasen nicht der primäre Grund für Polarisierung sind. Vor allem dürfte die Polarisierung durch das Internet sichtbarer geworden sein, weil jede noch so extreme ­Meinung eine Bühne bekommt. Und möglicherweise verstärken Filterblasen die Polarisierung.