Frage: Herr Rutishauser, Sie beraten den Papst in Fragen des Judentums und haben längere Zeit in Israel gelebt. Als Christ das Judentum zum Lebensthema zu machen ist bemerkenswert. Wie kam das?

Christian Rutishauser: Ich war ein äußerst idealistischer Heranwachsender. Im Gymnasium sog ich die Weltgeschichte regelrecht auf. Das Schicksal der Juden beschäftigte mich, und ich wollte verstehen, wie es zum Völkermord an über sechs Millionen Juden kommen konnte. Später, in den Achtzigerjahren, sah ich Claude Lanzmanns neunstündige Dokumentation Shoah, in der Zeitzeugen von ihrem Leid berichten, aber auch Täter zu Wort kommen. Diese ganze Aufarbeitung verfolgte ich intensiv. 1990 reiste ich dann als Theologiestudent erstmals für einige Monate nach Israel. Seither kehre ich fast jedes Jahr dorthin zurück.

Frage: Sie studierten in Jerusalem auch jüdische Philosophie und rabbinisches Judentum. Haben Sie eigentlich nie überlegt, Jude zu werden?

Rutishauser: Ich liebäugelte damals tatsächlich mit dem Judentum. Während meiner Studienzeit gab es immer wieder Momente, in denen ich mit der katholischen Kirche haderte. Damals neigte ich aber auch dazu, das rabbinische Judentum ein Stück weit zu idealisieren. Durch diese nicht immer einfache Auseinandersetzung gelangte ich schließlich zu einem neuen Verständnis des Christentums. Dazu gehörte auch, Jesus als Juden seiner Zeit zu begreifen. Ich blieb Christ. Doch vielleicht war meine Affinität zum Judentum unbewusst auch mit ein Grund, warum ich 1992 dem Orden der Jesuiten beitrat. Es gibt eine große Nähe zwischen den beiden.

Frage: Inwiefern?

Rutishauser: Die Ordensgemeinschaft der Jesuiten wurde 1540 von Ignatius von Loyola gegründet und bestand in den ersten Jahrzehnten bis zu einem Drittel aus "Conversos". Das waren Juden, die zum Christentum konvertierten. Die Art und Weise der Jesuiten, über theologische Fragen zu streiten, geht auf ihren Einfluss zurück, ebenso das Weltzugewandte. Das heißt: Wir gehen von Gott aus in die Welt und nicht aus ihr heraus zu Gott.

Frage: Ignatius war also ein Freund der Juden?

Rutishauser: Unter den Reformern seiner Zeit war er sicher der judenfreundlichste. Er soll gar einmal gesagt haben, dass er sich wünschte, er wäre Jude – so wäre er Jesus nicht nur im Geiste, sondern auch im Fleisch ein Verwandter. Seine Nähe zu den Juden rief gar die Inquisitoren auf den Plan. Sie warfen ihn mehrmals ins Gefängnis – unter anderem auch deswegen – und beschimpften ihn als Judaisierer.

Frage: Das ist doch ein Widerspruch. Ignatius bekehrte Juden zum Christentum – und das wiederum muss doch im Sinne der Kirche gewesen sein.

Rutishauser: Ja und nein. Die Kirche fürchtete wegen der Conversos eine Verunreinigung der Lehre. Für die damalige Zeit war es also außergewöhnlich, dass Ignatius so wenig Berührungsängste mit den Juden kannte. In der frühen Neuzeit waren Ressentiments gegen sie allgegenwärtig.

Frage: Trotz anfänglicher Nähe zwischen Juden und Jesuiten ist aber auch Tatsache: Der Orden stützte lange Zeit die Judenverfolgung.

Rutishauser: Das ist so. Konvertierten Juden wurde ab Ende des 16. Jahrhunderts der Ordenseintritt dann verwehrt, und auch als im 19. Jahrhundert der Antisemitismus aufkam, wurde wenig bis nichts unternommen, um den verfolgten Juden beizustehen. Das ist paradox, weil es so viele Parallelen und Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Jesuiten gibt. Historiker der Moderne beschreiben die beiden mitunter auch als "tragisches Paar".

Frage: Warum tragisch?

Rutishauser: Weil ihre schicksalhafte Geschichte viel ähnlicher ist, als dies den Jesuiten lange Zeit lieb war. Im 19. Jahrhundert etwa sahen sich die Jesuiten denselben Vorwürfen und Repressionen ausgesetzt wie die Juden: Sie seien dem Nationalstaat gegenüber feindlich gesinnt und könnten somit keine loyalen Bürger sein.

Frage: Wo liegen eigentlich die Wurzeln der christlichen Judenfeindlichkeit?

Rutishauser: Das ist eine schwierige und abendfüllende Frage. Ausschlaggebend ist aber sicher, wie das Neue Testament gelesen wurde. Bekanntlich gab es zur Zeit von Jesus verschiedene jüdische Gruppierungen. Die größte, die Pharisäer, werden im Matthäusevangelium als Heuchler und Scheinheilige gebrandmarkt, mit denen Jesus im Dauerkonflikt stand. Und in den Passionsspielen waren die Juden jahrhundertelang die Bösen, welche die Kreuzigung von Christus vorantrieben.