Was Frauen im Job erleben – Seite 1

Im Jahr 2019 werden Frauen im Job reihenweise diskriminiert, diffamiert und sexuell belästigt: Das dokumentieren fast 1.500 persönliche Erfahrungsberichte, die als Reaktion auf eine umfangreiche Recherche zur Situation von Frauen in der Arbeitswelt seit März bei ZEIT ONLINE und der ZEIT eingegangen sind. Die Schilderungen unserer Leserinnen offenbaren Probleme, die die gesamte deutsche Arbeitswelt betreffen. Sie zeigen, dass etwas grundsätzlich schiefläuft in der Wirtschaft, und zwar in allen Branchen, auf allen Positionen.

Die betroffenen Frauen arbeiten in Anwaltskanzleien und Touristikunternehmen, in Handwerksbetrieben genau wie in Automobilkonzernen. Viele sind exzellent ausgebildet. Sie sind Professorinnen, Ingenieurinnen, Erzieherinnen oder Ärztinnen. Manche sind noch in der Ausbildung, andere arbeiten jahrelang im Beruf oder sind Führungskräfte.

Wir sind einer Auswahl der geschilderten Vorfälle nachgegangen und haben die betroffenen Frauen gebeten, ihre Vorwürfe zum Beispiel durch Schriftwechsel, Arbeitszeugnisse oder Gerichtsdokumente zu belegen. Manche sind dieser Bitte nachgekommen, einige nicht. Manche Frauen haben erst mit uns geredet und uns dann gebeten, das Geschilderte nicht zu veröffentlichen. Das ist verständlich. Sich öffentlich gegen Diskriminierungen zu wehren, ist ein schwerer, mutiger Schritt. Schließlich müssen die Betroffenen in der Branche, manchmal sogar in dem Unternehmen, weiterarbeiten.

Häufig dürfen die Frauen auch gar nicht reden. Viele Arbeitsverträge enthalten weitgehende Verschwiegenheitsklauseln. Darin heißt es etwa, die Schweigepflicht gelte "über das Ende des Arbeitsverhältnisses hinaus fort". Auch im Falle eines gerichtlich erwirkten Vergleichs sichern sich beide Konfliktparteien oftmals Stillschweigen zu. Eine Frau, die dennoch öffentlich auspackt, läuft Gefahr, ihrem früheren Arbeitgeber noch einmal vor Gericht zu begegnen. Das hält viele Betroffene von dem Schritt in die Öffentlichkeit ab, so sehr sie sich wünschen, dass mehr über die Situation von Frauen in der Arbeitswelt nach außen dringt.

Einige Leserinnen waren trotz allem bereit, sich ausführlich zu Wort zu melden. Damit ihnen keine Nachteile für ihren weiteren Berufsweg entstehen, verzichten wir darauf, ihre Namen zu nennen. Die genannten Unternehmen haben wir mit den Fällen konfrontiert und um eine Stellungnahme gebeten. Bei einem Protokoll verzichten wir auf Wunsch der Betroffenen darauf, den Arbeitgeber zu nennen.

Wovon Betroffene berichten

Frauen, die angaben, dass sie benachteiligt wurden, nannten diese Art der Diskriminierung

Quelle für alle Grafiken in diesem Artikel: Umfrage von ZEIT und ZEIT ONLINE © ZEIT-Grafik

Die Projektleiterin bei der GIZ

Seit 2010 arbeite ich für die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die staatliche Organisation für Entwicklungszusammenarbeit, zunächst in Deutschland, später im Ausland. Nach einigen Jahren wurde ich schwanger. Das Projekt, in dem ich angestellt war, lief einige Monate später aus, mir war aber eine Stelle in einem ähnlichen Programm am selben Ort versprochen worden. "Wir moechten eine AMA Stelle fuer Dich kreieren und zwar zuegig", schrieb mir die Programmleiterin in einer E-Mail. "AMA" steht für Auslandsmitarbeiter/-in. Sie versicherte mir, man wolle mich "unbedingt halten". Bevor sie ausgeschrieben wurde, durfte ich die Beschreibung der Stelle so verändern, dass sie perfekt auf mein Profil passte.

Die Projektleiterin

Doch als ich der Programmleiterin wenig später von meiner Schwangerschaft erzählte, wollte sie von der neuen Stelle plötzlich nichts mehr wissen – dann könne sie mir jetzt keinen Vertrag geben, sagte sie mir. Auch weitere Gespräche und eine Intervention der Gleichstellungsbeauftragten der GIZ halfen nicht. Ich bot an, sechs Monate nach der Geburt auf eine 80-Prozent-Stelle zurückzukehren. Sie blockte ab – ich solle mich nach der Elternzeit melden, dann werde man sehen.

Ich war fassungslos. Mein Arbeitgeber ist von der Bundesregierung als familienfreundlich ausgezeichnet und berät Länder weltweit zu Geschlechtergerechtigkeit. Die Kluft zwischen dem Auftreten nach außen und der internen Praxis schockierte mich. Erschreckend fand ich auch, dass jede Kollegin, der ich von meiner Erfahrung erzählte, Ähnliches berichten konnte: Da war eine Frau, die inoffiziell im Mutterschutz wieder anfing zu arbeiten, aus Loyalität zum Projekt, und dann doch nicht die versprochene Beförderung bekam. Oder eine Kollegin, die ihren Verantwortungsbereich nach der Elternzeit erheblich beschnitten vorfand – entgegen voriger Vereinbarungen.

Ich ging arbeitslos in den Mutterschutz und kehrte für die Geburt meines Kindes mit meinem Partner, in dessen Heimatland wir während meines Auslandseinsatzes gelebt hatten, nach Deutschland zurück. Wir wollten danach so schnell wie möglich wieder zurück in sein Land, doch als ich die Programmleiterin nach der Geburt meines Kindes noch einmal ansprach, schien sie ihr Angebot eines Wiedereinstiegs nach der Elternzeit bereits völlig vergessen zu haben.

Trotz dieser Erfahrung entschied ich mich, der GIZ noch einmal eine Chance zu geben, weil mich Projektarbeit im Ausland nach wie vor sehr interessierte. Ich bewarb mich auf Stellen an anderen Standorten. Gut ein Jahr nach der Geburt meines ersten Kindes stieg ich – nach erneut erfolgreich bestandenem Assessment-Center – wieder bei der GIZ ein. Erneut bekam ich einen befristeten Vertrag. Seit neun Jahren bin ich nun – mit Unterbrechung während der ersten Elternzeit – bei der GIZ beschäftigt. Mit Ende 30 habe ich bis heute keinen unbefristeten Vertrag. Kettenverträge sind bei der GIZ leider gängige Praxis. Inzwischen habe ich zwei Kinder, arbeite Vollzeit und bin die Alleinernährerin der Familie. Mein Partner bekommt dort, wo wir jetzt leben, keine Arbeitserlaubnis.

Ich habe die neue Möglichkeit genutzt, nach dem Entgelttransparenzgesetz meine Bezahlung mit der meiner Kollegen zu vergleichen und bei der GIZ eine Anfrage gestellt. Dabei fand ich heraus, dass mein Gehalt rund 15 Prozent unter dem mittleren Gehalt meiner männlichen Kollegen in ähnlichen Positionen lag. Aus Gesprächen weiß ich, dass sich viele Kolleginnen in einer ähnlichen Situation befinden. Nach längeren Verhandlungen gelang es mir, eine Gehaltserhöhung zu erzielen, noch immer aber verdiene ich sieben Prozent weniger als die männliche Vergleichsgruppe.

Die Entscheidung, meine Erfahrung in der ZEIT zu veröffentlichen, ist mir nicht leichtgefallen. Ich befürchte, dass es anstehende Entscheidungen über meine künftige Vertragssituation negativ beeinflussen könnte. Dennoch finde ich es wichtig, bestehende Missstände zu thematisieren. Ich arbeite schließlich bei der GIZ, weil ich dazu beitragen möchte, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Mit meinem Selbstverständnis könnte ich es deshalb nicht vereinbaren, aus Angst um persönliche Nachteile zu schweigen. Ich vertraue darauf, dass die GIZ mit öffentlicher Kritik konstruktiv umgehen kann.

Die Stellungnahme der GIZ:

Die GIZ teilt mit, dass sie dem Fall ohne weitere "konkrete Informationen" nicht nachgehen könne. Das Unternehmen toleriere aber keine Diskriminierung, Gleichstellung sei fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Allen Beschäftigten biete man nach Ende des Mutterschutzes oder der Erziehungszeit einen "Wiedereinstieg auf einen adäquaten Arbeitsplatz". Die GIZ halte sich strikt an die gesetzlichen Vorgaben zum Schutz von schwangeren Mitarbeiterinnen, Verstöße dagegen seien dem Unternehmen "nicht bekannt". Auf den Vorwurf, wonach befristete Kettenverträge gängige Praxis seien, entgegnet das Unternehmen: Alle Aufträge, welche die GIZ erhalte, seien zeitlich befristet und "schwer prognostizierbar". Deshalb setze man "im Projektgeschäft einen Teil seiner Beschäftigten auf Basis befristeter Anstellungsverträge ein". Die Höhe des Gehalts hänge "von der Funktion, dem Verantwortungsrahmen der Aufgabe und der Erfahrung der Beschäftigten" ab, "nicht vom Geschlecht". Die Verteilung werde "regelmäßig analysiert" und zeige, dass es "keinen systematischen Gender-Pay-Gap" gebe.

Die Hälfte bleibt

Arbeiten Sie weiterhin an diesem Arbeitsplatz?

© ZEIT-Grafik

Die Managerin bei Lidl

Ich arbeite im Management von Lidl. Ich trage viel Verantwortung, bin etlichen Dutzend Mitarbeitern weisungsbefugt, ich konzeptioniere und koordiniere Projekte und nehme sie ab. Ich bekomme sehr gutes Feedback auf meine Arbeit. Von Anfang an wurden mir von meinem Vorgesetzten alle paar Jahre Sprünge in die jeweils höhere Gehaltskategorie zugesagt. Mein Vorgänger auf der Stelle hat viel mehr verdient als ich.

Dieses Jahr wäre ich eigentlich dran gewesen. Mein Chef hatte mir schon grünes Licht gegeben, aber ich bekomme noch immer nicht mehr Geld. Meine Kolleginnen wurden ebenfalls nicht in die nächsthöhere Gehaltsklasse befördert. Meine männlichen Kollegen hingegen schon. Meine Aufgaben sind trotzdem gewachsen. Nun habe ich noch mehr Verantwortung, aber nicht mehr Gehalt. Es ist die seltsame Situation entstanden, dass ich Mitarbeitern Anweisungen gebe, aber viel weniger verdiene als sie.

Die Managerin

Es gibt bei Lidl nur vereinzelt Frauen im Topmanagement. Männer werden schneller befördert. Das ist selbst in Bereichen wie dem Personalwesen so, in dem vor allem Frauen arbeiten. Auch dort sind die Chefs meistens Männer.

Das Betriebsklima bei Lidl insgesamt ist frauenfeindlich. Männern schreibt man Kompetenz zu und Frauen Soft Skills wie Kommunikation. Das zeigt sich in etlichen Projekten. Männer gelten als durchsetzungsstark. Von Frauen wird erwartet, sich zurückzuhalten, so geraten sie aber immer stärker ins Aus. Damit verfestigt sich ein klischeebeladenes Klima noch weiter.

Ich habe bei einigen großen Konzernen gearbeitet. Leider ist Lidl kein Einzelfall. Ich arbeite jeden Tag daran, die Strukturen in diesem Unternehmen aufzubrechen, was hoffentlich der nächsten Generation zugutekommt.

Die Stellungnahme von Lidl:

Das Unternehmen betont, auch außertarifliche Mitarbeiter würden nach einem festen Stufenmodell unabhängig vom Geschlecht vergütet. Die Einbeziehung verschiedener Personen würde eine "objektivierte Beförderungsentscheidung" garantieren. Es werde zudem sichergestellt, "dass Frauen und Männer gleichermaßen die Chance erhalten, gemäß ihren Leistungen und Fähigkeiten eingesetzt, gefördert oder befördert zu werden". Rund 27,5 Prozent der Führungskräfte bei Lidl seien weiblich. Man wolle durch viele Maßnahmen den Frauenanteil weiter erhöhen. Auf "fairen und respektvollen Umgang miteinander" werde großen Wert gelegt. Es gebe Beauftragte "für Mitarbeiter und Soziales", die Ansprechpartner für Mitarbeiter seien, wenn diese nicht zu ihrem Vorgesetzten gehen wollten.

Das Alter der Befragten

Wie alt waren Sie zum Zeitpunkt des geschilderten Ereignisses?

© ZEIT-Grafik

Die Bezirksleiterin bei denn’s-Biomarkt

Es war ein Mittwoch im November 2014. Ich erinnere mich genau an diesen Tag, ich war als Bezirksleiterin mit meinem damaligen Chef in einem nicht alltäglichen Einsatz. Eine denn’s-Biomarkt-Filiale musste geräumt werden. Kurz vor Dienstschluss erzählte ich meinem Chef, dass ich schwanger sei. Ich sagte ihm, dass ich gleich nach dem Mutterschutz auf meine Stelle als Bezirksleiterin zurückkehren wolle.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich seit zweieinhalb Jahren sechs denn’s-Bio-Supermärkte in Hamburg gemanagt. Anfangs kamen mir die Arbeitsbedingungen menschlicher vor, als ich es im Einzelhandel gewöhnt war, weniger Druck, der Ton weniger rau.

Ich solle mir keine Gedanken machen, sagte mein Chef. Das Baby brauche mich doch in der ersten Zeit! Ob ich denn nicht stillen wolle? Er machte mir Mut: Natürlich können Sie Elternzeit nehmen!

Die Bezirksleiterin

Ich beschloss, etwa ein Jahr auszusetzen. Beim ersten Gespräch über meinen Wiedereinstieg unterhielten wir uns über meine künftigen Arbeitszeiten. Meinem Chef war Flexibilität wichtig. Eine Bezirksleitung müsse spontan einsetzbar sein, frühmorgens, spätabends oder am Wochenende. Ich war überzeugt: Das würde ich auch mit Kind schaffen.

Doch bald darauf eröffnete mir mein Regionalleiter: Es sei keine Stelle als Bezirksleiterin mehr frei, man könne in Hamburg auch keine zusätzliche Bezirksleitungsposition schaffen. Stattdessen könne ich aber einen anderen Job in der Niederlassung übernehmen. Statt rund 5.000 Euro zuzüglich Prämien und Dienstwagen sollte ich auf der Position aber nur noch etwa 3.500 Euro monatlich verdienen. Ich lehnte ab und erklärte, als Bezirksleiterin wieder einsteigen zu wollen.

Am letzten Tag vor dem Ende meiner Elternzeit bat mein Regionalleiter mich erneut zum Gespräch. Nun hatte er doch eine Stelle als Bezirksleiterin für mich – in Südbayern. Kaum hatte ich die Niederlassung verlassen, brach ich in Tränen aus. Innerhalb einer Woche sollte ich mich entscheiden. Hätte ich meine Tochter und den Papa allein in Hamburg zurücklassen sollen? Ich überließ die weiteren Verhandlungen einem Rechtsanwalt.

Erst mal blieb mir keine Wahl: Ich trat nach meiner Elternzeit die schlechter bezahlte Stelle an. Am ersten Tag lagen auf meinem Schreibtisch bloß ein Block und ein Stift. Mein Telefon war wochenlang nicht funktionstüchtig, ich hatte zunächst keinen E-Mail-Zugang. "Psychische Destabilisierung" – so nannte mein Anwalt das. Er riet mir zur Klage.

Vor der Gerichtsverhandlung war mir heiß und kalt. Doch der Richter war toll. Er zeigte sich verwundert darüber, dass denn’s meine Elternzeitvertretung unbefristet eingestellt hatte. Nach dem Gerichtstermin bot denn’s mir eine Bezirksleitung an – diesmal knapp 200 Kilometer entfernt, im Raum Oldenburg. Ich trat die Stelle an.

Morgens fuhr ich zwei Stunden mit dem Auto zu den Biomärkten, abends zwei Stunden zurück. Meine Arbeitstage dauerten jetzt oft zwölf Stunden. Meine Tochter schlief noch, wenn ich aufbrach, und schon wieder, wenn ich abends nach Hause kam.

Währenddessen bekam ich mit: denn’s wollte in Hamburg nun doch eine zusätzliche Bezirksleitung schaffen – aber die sollte ein Mann bekommen.

Fast ein Dreivierteljahr hatte ich bereits um meinen Job gekämpft, von Oktober bis Februar war ich von Hamburg nach Oldenburg gependelt. Um nicht am Steuer einzuschlafen, trank ich Energydrinks. Ich war am Ende. Beim nächsten Gerichtstermin habe ich einem Vergleich zugestimmt. Darin war zwar eine Abfindung enthalten, aber davon musste ich auch mehrere Tausend Euro Anwaltskosten begleichen.

Manchmal frage ich mich: Hätte ich früher die Reißleine ziehen sollen? Und dann denke ich: Man darf sich nicht alles gefallen lassen.

Die Stellungnahme von denn’s:

Das Unternehmen möchte den Fall nicht kommentieren. Uwe Zimmermann, Personalleiter bei der Unternehmensgruppe dennree, zu der auch die denn’s-Biomärkte gehören, erklärt: Personalentscheidungen würden grundsätzlich unabhängig vom Geschlecht getroffen. Man unterstütze Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach der Rückkehr aus der Elternzeit bestmöglich, allerdings könne es dabei "im Einzelfall zu Unstimmigkeiten kommen". Insgesamt seien bei denn’s 56 Prozent der Führungskräfte, inklusive Stellvertreter-Ebene, weiblich.

Die Beraterin bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Ich war mehr als sieben Jahre lang bei einer internationalen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft beschäftigt. Dort habe ich Betriebsprüfungen bei Mittelständlern geleitet. Ich wurde gelobt und gefördert. Das änderte sich schlagartig, als ich meinen Chef Anfang 2014 über meine Schwangerschaft informierte. Er war nicht begeistert, das hatte ich auch nicht von ihm erwartet. Verwundert war ich aber schon, als er mich dazu aufforderte, das Mutterschutzgesetz zu umgehen. Das sieht ein Beschäftigungsverbot für Schwangere zwischen 22 und 6 Uhr vor, nach 20 Uhr dürfen werdende Mütter nur arbeiten, wenn sie sich ausdrücklich dazu bereit erklären. Außerdem dürfen sie täglich nicht mehr als 8,5 Stunden arbeiten.

Die Beraterin

Gegen beide Vorschriften hat mein Arbeitgeber verstoßen. Montags musste ich in manchen Wochen um halb fünf Uhr morgens zum Flughafen, um den ersten Flug zum Mandanten zu erwischen. Donnerstagabends kam ich erst nach 22 Uhr nach Hause. Natürlich machte ich beim Mandanten kräftig Überstunden. Häufig hatte ich bereits am Donnerstagvormittag meine Arbeitszeit für die ganze Woche erreicht.

Das ist in der Branche durchaus üblich, jeder Berater macht massenhaft Überstunden und verstößt ständig gegen das Arbeitszeitgesetz. Doch in der Schwangerschaft war mir dieses Pensum zu viel. Ich ging zu meinem Chef und sagte ihm, dass ich die Maximalstundenzahl, die ich aufschreiben dürfe, bereits überschritten habe. Daraufhin bat er mich, eine inoffizielle Excel-Tabelle anzulegen und alle weiteren Überstunden dort einzutragen. Die sollte ich, so versicherte er mir, später dann abfeiern. Doch so viele Überstunden, wie ich angesammelt hatte, konnte ich gar nicht abbauen. Wer hätte dann die Arbeit gemacht?

Da ich mich mit niemandem anlegen und nach der Elternzeit ins Unternehmen zurückkehren wollte, habe ich mich trotz extremer Übelkeit und Erbrechen während der Schwangerschaft durchgekämpft. Irgendwann war ich körperlich völlig fertig, einmal musste ich sogar nach einem Schwächeanfall an den Tropf. Mein Arzt riet mir, die Arbeitszeit auf vier Stunden täglich zu reduzieren. Die Reaktion meines Chefs: Dann solle ich gleich zu Hause bleiben.

Ich hielt durch bis zum Mutterschutz. Zum Abschied gab es weder Blumen noch gute Wünsche, stattdessen ein Mitarbeitergespräch, das mit folgenden Worten begann: "Wir brauchen das gar nicht ganz durchgehen. Es ist klar, dass da aufgrund Ihrer schwangerschaftsbedingten Krankschreibung ein Minus herauskommen muss." Eine Bonuszahlung, die ich in den Jahren zuvor stets erhalten hatte, stünde mir deshalb nicht zu. Eigentlich hätte ich da schon zum Betriebsrat gehen müssen. Aber ich wollte es mir mit meinem Chef nicht verspielen.

Ein Kollege, der ein freundschaftliches Verhältnis mit dem Chef pflegte, legte mir nahe, mir nach der Elternzeit einen neuen Job zu suchen. Der Chef hätte zu ihm gesagt: Auf "Teilzeitmuttis" habe er "keinen Bock".

Trotzdem kehrte ich nach 14 Monaten Elternzeit in Teilzeit zurück. Zunächst arbeitete ich 20 Stunden die Woche, später stockte ich auf 25 Wochenstunden auf. Doch obwohl mein Arbeitgeber auf seiner Website verschiedene Teilzeitmodelle und einen speziellen Familienservice bewirbt, begannen für mich quälende Monate. Meine Teilzeit war schuld an allem, was schlecht lief. Es gab blöde Sprüche ohne Ende. Man warf mir – einer alleinerziehenden Mutter – "Freizeitorientierung" vor. Ich wurde schrittweise degradiert, bekam nur noch Aufgaben, mit denen man Praktikanten ärgern kann. Anstatt Mandanten zu betreuen, sollte ich zum Beispiel das Sekretariat bei der Ablage unterstützen.

Mein Chef machte derweil Karriere und wurde zum Partner befördert. Bei der Beförderungsfeier saß ich mit dem Deutschlandchef am Tisch. Mein Chef stellte alle Kollegen mit Namen, Dauer der Betriebszugehörigkeit und ihrer Position vor. Ich war als Letzte an der Reihe. Mein Chef nannte meinen Namen und fügte dann hinzu: "Sie ist – Mutter."

Ich wurde krank und musste mich in Therapie begeben. Nicht zuletzt wegen der Arbeitsbedingungen. Mein Chef sagte mir daraufhin ins Gesicht, dass ich nicht mehr in die Firma passe. Ich möge mir einen anderen Job suchen. Eine der größten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften des Landes hat mich systematisch fertiggemacht. Ende 2017 habe ich entnervt gekündigt. Heute arbeite ich bei einer kleinen Beratung, bei der ich mich sehr wertgeschätzt fühle.

Im Folgenden dokumentieren wir ausgewählte Antworten unserer Leserinnen:

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Chef: »Das geht Sie ja jetzt nichts mehr an, Sie sind ja jetzt schwanger!«
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Angestellte in der Immobilienbranche, 28 Jahre
Als Projektleiterin in der Industrie sollte ich den Besprechungsraum verlassen, da der Firmeninhaber davon ausgegangen ist, dass ich die Sekretärin bin und diese nichts bei der Besprechung zu suchen hat. Ein Kunde sagte zu mir als Diplom-Ingenieurin:
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Leitende Angestellte in der Industrie
Ich bin in mehreren Bewerbungsgesprächen völlig ohne Umschweife nach Kinderwunsch und Familienplanung gefragt worden.
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Angestellte aus der IT-Branche, 28 Jahre
Als mein Vorgänger ging, wurde mir seine Stelle angeboten – allerdings wurde ich nur »Referentin«, während er zuvor den Titel »Abteilungsleiter« trug.
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Angestellte im öffentlichen Dienst, 26 Jahre
Bei meiner Bewerbung in einer mund-, kiefer-, gesichtschirurgischen Praxis wurde mir gesagt: »MKG-Chirurgie ist nichts für Frauen, da bin ich ganz altmodisch.«
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Promovierte Bewerberin, 26 Jahre
In meinem ersten Hotel-Praktikum musste ich Toiletten und Zimmer putzen, während mein Klassenkamerad Bürotätigkeiten und den Frühstücksdienst machen durfte.
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Praktikantin in der Tourismusbranche, 16 Jahre
Als ich meine Schwangerschaft mitteilte, wurde mir salopp gesagt, dass mir ein männlicher Kollege zur Seite gestellt werden könnte, da dieser nicht schwanger »ausfallen« kann. Letztlich kam es dazu nicht, dennoch war die subtile Botschaft sehr klar.
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Angestellte in der Tourismusbranche, 32 Jahre
Mir wurde während des Bewerbungsgespräches mitgeteilt, dass ich für den Job in der Personaldisposition nicht geeignet sei, da ich eine Frau bin.
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Bewerberin, 26 Jahre
Während einer Kundenveranstaltung fordert der Chef mich und meine Vorgesetzte auf, doch etwas zu tanzen für die Atmosphäre.
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Angestellte in der Versicherungsbranche, 31 Jahre
Der Abteilungsleiter sagte: »Ich guck dir nicht auf den Bauch, ich guck dir nur auf die Brüste.«
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Angestellte in der Bankbranche, 30 Jahre
Ich verdiene 20 Prozent brutto weniger als meine männlichen Kollegen, obwohl ich sogar Fortbildungen für diese Kollegen hielt.
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Lehrerin an einer Privatschule, 42 Jahre
Ein Vorgesetzter äußerte regelmäßig in Meetings, dass die »Teilzeitmuttis« unzuverlässig seien.
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Angestellte im Handel, 30 Jahre
In einer Mitarbeiterbesprechung »witzelte« der Geschäftsführer: »Der Kollegin mussten wir ihre strategische Stelle aus biologischen Gründen wegnehmen.«
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Leitende Angestellte, 39 Jahre
Obwohl ich den höheren Bildungsabschluss und mehr Berufserfahrung habe, verdiene ich weniger als mein männlicher, jüngerer Kollege auf der gleichen Position. Es wird regelmäßig betont, dass er ja Familie hat, für die er sorgen müsse.
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Angestellte im Maschinenbau, 36 Jahre
Als ich aus der Elternzeit zurückkehrte, erhielt ich mein altes Büro nicht zurück. Mir wurde ein Schreibtisch auf den Flur gestellt.
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Angestellte im öffentlichen Dienst, 35 Jahre
Ein Kollege erklärte mir, dass er die Förderung von Frauen in MINT-Fächern für absolut lächerlich halte, da MINT-Fächer nicht zu den Begabungen von Frauen zählen würden. Frauen mangele es grundsätzlich an dieser Art zu denken.
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Ingenieurin, 25 Jahre
Auf dem Arbeitsamt riet man mir: »Vielleicht sollten Sie die Kinder und den Doktortitel aus dem Lebenslauf nehmen.«
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Bewerberin aus dem Kulturbereich, 36 Jahre
Mein Chef sagte zu mir: »Beförderung gibt’s bei mir nur gegen sexuelle Gefälligkeiten – sag Bescheid, wenn du befördert werden willst.«
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Angestellte, 43 Jahre
Mein verheirateter Kollege verfolgte mich auf der Weihnachtsfeier bis aufs Damenklo. Es gelang ihm, die verriegelte Klotür zu öffnen. Ich rannte weg, er fasste mir unters Kleid und zerriss die Strumpfhose.
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Angestellte aus der IT-Branche, 40 Jahre
Meine Beförderung stand im Raum, dann hieß es: »In deinem Zustand lohnt es sich nicht mehr.«
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Angestellte aus der PR-Branche, 29 Jahre
Als Ärztin in der Unfallchirurgie kommt man deutlich seltener in den OP als männliche Kollegen.
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Ärztin, 27 Jahre
Ein Oberarzt, der Betriebsrat war, sagte zu mir: »Für eine Mutter gibt es im Krankenhaus keinen Arbeitsplatz.«
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Angestellte in einem Krankenhaus, 33 Jahre
Mein Abteilungsleiter antwortete auf die Frage, wieso ich jetzt für ihn und nicht für den anderen Abteilungsleiter arbeiten solle: »Die andere Abteilung wurde vergewaltigt und Sie, Mäuschen, sind das Opfer. Sie gehören mir.«
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Angestellte in der Automobilbranche
Abteilungsleiter hatten einen Firmenwagen der Mercedes C-Klasse. Mir wurde als Abteilungsleiterin eine A-Klasse angeboten.
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Leitende Angestellte im Handel, 35 Jahre
Chef: »Die meisten Frauen, die hier arbeiten, tun dies für einen Zuverdienst zur Haushaltskasse. Wenn Sie mehr wollen, kann ich Ihnen das hier nicht bieten.«
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Angestellte im Bereich Architektur und Bauwesen
Der männliche Kollege wurde vor mir befördert, da er schließlich eine Familie ernähren müsse. Allerdings hat er eine gut verdienende Frau – und ich war alleinerziehend.
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Leitende Angestellte in der Medienbranche, 36 Jahre
Dann zog er an meinem T-Shirt, um den Ausschnitt tiefer werden zu lassen.
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Wissenschaftlerin im öffentlichen Dienst, 26 Jahre
Oder man erzählt mir, wie man mich »ficken« würde.
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Auszubildende im Handwerk, 23 Jahre
Mein Chef teilte mir mit: »Sie haben sich durch Ihre Schwangerschaft ja selbst aus dem Rennen gekegelt.«
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Angestellte, 34 Jahre
Als Praktikantin in einem Forstbetrieb durfte ich die Motorsäge nicht benutzen, da eine Frau an der Säge ja Unglück gebracht hätte.
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Praktikantin in der Forstwirtschaft, 22 Jahre
Mein Chef sagte: »Ich weiß, dass du sehr gut bist, eine der Besten. Aber es ist egal, wie gut du bist. An meinem Schwanz kommst du nicht vorbei.«
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Freie Journalistin, 40 Jahre
Ich hatte neu bei meinem Arbeitgeber angefangen. Kollegen kamen zu mir und haben gesagt, dass zum Glück endlich mal jemand mit großen Brüsten eingestellt wurde, und mit einem Kopfnicken zum Vorgesetzten: »Alles richtig gemacht.«
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Beschäftigte in der Konsumgüterbranche, 20 Jahre
Ein Kunde sagte im Meeting zu mir: »Ach … Sie verstehen das wahrscheinlich nicht, oder? Ja. Das macht nichts, wenn eine Frau ein Kugellager nicht versteht. Das ist ja auch nicht rosa, gell?« Drei Herren auf Kundenseite und ein Ingenieur aus dem
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Leitende Angestellte im Maschinenbau, 31 Jahre
Beim Kanu-Teamevent spritzt mich ein Kollege nass und sagt zu mir: »Wenn ich schon mal die Chance habe, eine Frau vollzuspritzen, dann muss ich das ja ausnutzen.«
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Angestellte im Bereich Marketing, PR und Design, 28 Jahre
Kollege: »Wir brauchen dich, damit du im Meeting sitzen und schön aussehen kannst.«
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Angestellte im Bereich Marketing, PR und Design, 24 Jahre
Mein Chef fragte mich zum Feierabend stets, ob ich wirklich schon gehen wollte. Er dachte, wir könnten noch Sex haben.
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Marketing-Managerin, 26 Jahre
Kommentar zu Angestellter: »Frauen brauchen nichts außer einen guten Schluckreflex.«
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Angestellte in der IT-Branche, 23 Jahre
Mein Chef und Eigentümer der Firma fragte mich: »Würdest du dir für mich kurze Kleidung im Büro anziehen?«
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Leitende Angestellte in der IT-Branche, 33 Jahre
Eines Mittags verglich einer der Teamleiter den Geruch unseres Sushis mit dem unserer Genitalien.
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Angestellte im Bereich Industrie und Maschinenbau, 27 Jahre
Der Vertriebsleiter fasste mir an den Po. Er sagte, mein Hintern habe ihm schon länger gefallen, da habe er einfach zugreifen müssen.
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Angestellte in der IT-Branche, 32 Jahre
Am ersten Tag nach meiner Elternzeit hat mich mein Chef fristlos gekündigt. Er brauche »nicht noch eine Mutter im Team«.
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Angestellte im Bereich Kunst, Kultur und Sport, 33 Jahre
Niedrige Tätigkeiten, wie Gäste empfangen, dem Postboten öffnen, das Geschirr wegräumen, die Konferenzräume einrichten, wurden grundsätzlich nicht von männlichen Kollegen mit übernommen, sondern nur von den drei Frauen im Team, obwohl das genauso
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Angestellte, 40 Jahre
In unserer Firma sind befristete Verträge Standard. Sobald man schwanger wird und in Elternzeit geht, ist klar, dass man raus ist.
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Angestellte, 24 Jahre
Es ist in der männerdominierten Branche, in der ich arbeite, normal, dass mal hinterhergepfiffen wird, ein Schlag auf den Hintern angetäuscht wird oder auch witzig gemeinte Sprüche abgelassen werden. Lässt man diesen Spaß aus Unsicherheit zu, sitzt
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Angestellte im Bereich Konsumgüter und Handel, 27 Jahre
Vorgesetzter: »Ich verschwende meine Zeit nicht mit dir. Spätestens wenn du schwanger bist, bist du eh nichts mehr wert.«
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Angestellte in der IT-Branche, 28 Jahre
Ich wurde am Po, am Busen angefasst, geküsst und musste mir ständig Kommentare über meine »geilen Titten« anhören. Ich wurde einem Schülerpraktikanten als »das ist die X, die bläst hier allen einen« vorgestellt. Diese Kollege ist jetzt Chef der HR.
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Angestellte in der Logistikbranche, 34 Jahre
Mein damaliger Chef kam immer mit in die Zigarettenpause, obwohl er nicht rauchte, und hat meine Arbeitskolleginnen angemacht. Danach erzählte er mir detailliert, wie oft und in welcher Stellung er mit ihnen Sex hatte.
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Angestellte im Bereich Gesundheit und Soziales, 26 Jahre
Vorgesetzter: »Für so ein Gehalt kann ich auch einen echten Mann einstellen.«
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Angestellte in der IT-Branche, 25 Jahre
Einmal wurde mir am Telefon gesagt: »Lassen Sie sich doch lieber noch mal schwängern, dann brauchen Sie nicht arbeiten.«
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Auszubildende Medienbranche, 30 Jahre
Im Mitarbeitergespräch wurde mir gesagt, dass ich »für eine Frau ganz schön geldgeil« sei.
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Angestellte in der IT-Branche, 33 Jahre
Ein Vorgesetzter fragte mich in meiner Ausbildungszeit, wie oft ich mit meinem Freund schlafen würde, und dass ich ab sofort nur noch mit Kondom Sex haben dürfe, damit ich auf keinen Fall schwanger werde und so auch nicht ausfallen würde. Mein Mentor
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Angestellte im öffentlichen Dienst, Verbände und Einrichtungen, 30 Jahre
Ich halte einen Vortrag. Ein Kollege schläft in der ersten Reihe. Ich nenne laut seinen Namen und bitte ihn, zuzuhören oder rauszugehen. Er sagt in die Runde, dass er mich gern mal übers Knie legen würde.
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Unternehmensberaterin, 33 Jahre
Ein männlicher Kollege mit vergleichbarer Position und Erfahrung bekam beim Einstieg 1.000 Euro brutto mehr als ich.
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Leitende Angestellte im Bildungsbereich, 32 Jahre
Der Doktortitel wird bei Männern genannt und im gleichen Satz bei mir als Frau selbstverständlich weggelassen.
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Promovierte Angestellte, 32 Jahre