Doch als ich der Programmleiterin wenig später von meiner Schwangerschaft erzählte, wollte sie von der neuen Stelle plötzlich nichts mehr wissen – dann könne sie mir jetzt keinen Vertrag geben, sagte sie mir. Auch weitere Gespräche und eine Intervention der Gleichstellungsbeauftragten der GIZ halfen nicht. Ich bot an, sechs Monate nach der Geburt auf eine 80-Prozent-Stelle zurückzukehren. Sie blockte ab – ich solle mich nach der Elternzeit melden, dann werde man sehen.

Ich war fassungslos. Mein Arbeitgeber ist von der Bundesregierung als familienfreundlich ausgezeichnet und berät Länder weltweit zu Geschlechtergerechtigkeit. Die Kluft zwischen dem Auftreten nach außen und der internen Praxis schockierte mich. Erschreckend fand ich auch, dass jede Kollegin, der ich von meiner Erfahrung erzählte, Ähnliches berichten konnte: Da war eine Frau, die inoffiziell im Mutterschutz wieder anfing zu arbeiten, aus Loyalität zum Projekt, und dann doch nicht die versprochene Beförderung bekam. Oder eine Kollegin, die ihren Verantwortungsbereich nach der Elternzeit erheblich beschnitten vorfand – entgegen voriger Vereinbarungen.

Ich ging arbeitslos in den Mutterschutz und kehrte für die Geburt meines Kindes mit meinem Partner, in dessen Heimatland wir während meines Auslandseinsatzes gelebt hatten, nach Deutschland zurück. Wir wollten danach so schnell wie möglich wieder zurück in sein Land, doch als ich die Programmleiterin nach der Geburt meines Kindes noch einmal ansprach, schien sie ihr Angebot eines Wiedereinstiegs nach der Elternzeit bereits völlig vergessen zu haben.

Trotz dieser Erfahrung entschied ich mich, der GIZ noch einmal eine Chance zu geben, weil mich Projektarbeit im Ausland nach wie vor sehr interessierte. Ich bewarb mich auf Stellen an anderen Standorten. Gut ein Jahr nach der Geburt meines ersten Kindes stieg ich – nach erneut erfolgreich bestandenem Assessment-Center – wieder bei der GIZ ein. Erneut bekam ich einen befristeten Vertrag. Seit neun Jahren bin ich nun – mit Unterbrechung während der ersten Elternzeit – bei der GIZ beschäftigt. Mit Ende 30 habe ich bis heute keinen unbefristeten Vertrag. Kettenverträge sind bei der GIZ leider gängige Praxis. Inzwischen habe ich zwei Kinder, arbeite Vollzeit und bin die Alleinernährerin der Familie. Mein Partner bekommt dort, wo wir jetzt leben, keine Arbeitserlaubnis.

Ich habe die neue Möglichkeit genutzt, nach dem Entgelttransparenzgesetz meine Bezahlung mit der meiner Kollegen zu vergleichen und bei der GIZ eine Anfrage gestellt. Dabei fand ich heraus, dass mein Gehalt rund 15 Prozent unter dem mittleren Gehalt meiner männlichen Kollegen in ähnlichen Positionen lag. Aus Gesprächen weiß ich, dass sich viele Kolleginnen in einer ähnlichen Situation befinden. Nach längeren Verhandlungen gelang es mir, eine Gehaltserhöhung zu erzielen, noch immer aber verdiene ich sieben Prozent weniger als die männliche Vergleichsgruppe.

Die Entscheidung, meine Erfahrung in der ZEIT zu veröffentlichen, ist mir nicht leichtgefallen. Ich befürchte, dass es anstehende Entscheidungen über meine künftige Vertragssituation negativ beeinflussen könnte. Dennoch finde ich es wichtig, bestehende Missstände zu thematisieren. Ich arbeite schließlich bei der GIZ, weil ich dazu beitragen möchte, gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Mit meinem Selbstverständnis könnte ich es deshalb nicht vereinbaren, aus Angst um persönliche Nachteile zu schweigen. Ich vertraue darauf, dass die GIZ mit öffentlicher Kritik konstruktiv umgehen kann.

Die Stellungnahme der GIZ:

Die GIZ teilt mit, dass sie dem Fall ohne weitere "konkrete Informationen" nicht nachgehen könne. Das Unternehmen toleriere aber keine Diskriminierung, Gleichstellung sei fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Allen Beschäftigten biete man nach Ende des Mutterschutzes oder der Erziehungszeit einen "Wiedereinstieg auf einen adäquaten Arbeitsplatz". Die GIZ halte sich strikt an die gesetzlichen Vorgaben zum Schutz von schwangeren Mitarbeiterinnen, Verstöße dagegen seien dem Unternehmen "nicht bekannt". Auf den Vorwurf, wonach befristete Kettenverträge gängige Praxis seien, entgegnet das Unternehmen: Alle Aufträge, welche die GIZ erhalte, seien zeitlich befristet und "schwer prognostizierbar". Deshalb setze man "im Projektgeschäft einen Teil seiner Beschäftigten auf Basis befristeter Anstellungsverträge ein". Die Höhe des Gehalts hänge "von der Funktion, dem Verantwortungsrahmen der Aufgabe und der Erfahrung der Beschäftigten" ab, "nicht vom Geschlecht". Die Verteilung werde "regelmäßig analysiert" und zeige, dass es "keinen systematischen Gender-Pay-Gap" gebe.

Die Hälfte bleibt

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© ZEIT-Grafik

Die Managerin bei Lidl

Ich arbeite im Management von Lidl. Ich trage viel Verantwortung, bin etlichen Dutzend Mitarbeitern weisungsbefugt, ich konzeptioniere und koordiniere Projekte und nehme sie ab. Ich bekomme sehr gutes Feedback auf meine Arbeit. Von Anfang an wurden mir von meinem Vorgesetzten alle paar Jahre Sprünge in die jeweils höhere Gehaltskategorie zugesagt. Mein Vorgänger auf der Stelle hat viel mehr verdient als ich.

Dieses Jahr wäre ich eigentlich dran gewesen. Mein Chef hatte mir schon grünes Licht gegeben, aber ich bekomme noch immer nicht mehr Geld. Meine Kolleginnen wurden ebenfalls nicht in die nächsthöhere Gehaltsklasse befördert. Meine männlichen Kollegen hingegen schon. Meine Aufgaben sind trotzdem gewachsen. Nun habe ich noch mehr Verantwortung, aber nicht mehr Gehalt. Es ist die seltsame Situation entstanden, dass ich Mitarbeitern Anweisungen gebe, aber viel weniger verdiene als sie.