Ich beschloss, etwa ein Jahr auszusetzen. Beim ersten Gespräch über meinen Wiedereinstieg unterhielten wir uns über meine künftigen Arbeitszeiten. Meinem Chef war Flexibilität wichtig. Eine Bezirksleitung müsse spontan einsetzbar sein, frühmorgens, spätabends oder am Wochenende. Ich war überzeugt: Das würde ich auch mit Kind schaffen.

Doch bald darauf eröffnete mir mein Regionalleiter: Es sei keine Stelle als Bezirksleiterin mehr frei, man könne in Hamburg auch keine zusätzliche Bezirksleitungsposition schaffen. Stattdessen könne ich aber einen anderen Job in der Niederlassung übernehmen. Statt rund 5.000 Euro zuzüglich Prämien und Dienstwagen sollte ich auf der Position aber nur noch etwa 3.500 Euro monatlich verdienen. Ich lehnte ab und erklärte, als Bezirksleiterin wieder einsteigen zu wollen.

Am letzten Tag vor dem Ende meiner Elternzeit bat mein Regionalleiter mich erneut zum Gespräch. Nun hatte er doch eine Stelle als Bezirksleiterin für mich – in Südbayern. Kaum hatte ich die Niederlassung verlassen, brach ich in Tränen aus. Innerhalb einer Woche sollte ich mich entscheiden. Hätte ich meine Tochter und den Papa allein in Hamburg zurücklassen sollen? Ich überließ die weiteren Verhandlungen einem Rechtsanwalt.

Erst mal blieb mir keine Wahl: Ich trat nach meiner Elternzeit die schlechter bezahlte Stelle an. Am ersten Tag lagen auf meinem Schreibtisch bloß ein Block und ein Stift. Mein Telefon war wochenlang nicht funktionstüchtig, ich hatte zunächst keinen E-Mail-Zugang. "Psychische Destabilisierung" – so nannte mein Anwalt das. Er riet mir zur Klage.

Vor der Gerichtsverhandlung war mir heiß und kalt. Doch der Richter war toll. Er zeigte sich verwundert darüber, dass denn’s meine Elternzeitvertretung unbefristet eingestellt hatte. Nach dem Gerichtstermin bot denn’s mir eine Bezirksleitung an – diesmal knapp 200 Kilometer entfernt, im Raum Oldenburg. Ich trat die Stelle an.

Morgens fuhr ich zwei Stunden mit dem Auto zu den Biomärkten, abends zwei Stunden zurück. Meine Arbeitstage dauerten jetzt oft zwölf Stunden. Meine Tochter schlief noch, wenn ich aufbrach, und schon wieder, wenn ich abends nach Hause kam.

Währenddessen bekam ich mit: denn’s wollte in Hamburg nun doch eine zusätzliche Bezirksleitung schaffen – aber die sollte ein Mann bekommen.

Fast ein Dreivierteljahr hatte ich bereits um meinen Job gekämpft, von Oktober bis Februar war ich von Hamburg nach Oldenburg gependelt. Um nicht am Steuer einzuschlafen, trank ich Energydrinks. Ich war am Ende. Beim nächsten Gerichtstermin habe ich einem Vergleich zugestimmt. Darin war zwar eine Abfindung enthalten, aber davon musste ich auch mehrere Tausend Euro Anwaltskosten begleichen.

Manchmal frage ich mich: Hätte ich früher die Reißleine ziehen sollen? Und dann denke ich: Man darf sich nicht alles gefallen lassen.

Die Stellungnahme von denn’s:

Das Unternehmen möchte den Fall nicht kommentieren. Uwe Zimmermann, Personalleiter bei der Unternehmensgruppe dennree, zu der auch die denn’s-Biomärkte gehören, erklärt: Personalentscheidungen würden grundsätzlich unabhängig vom Geschlecht getroffen. Man unterstütze Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach der Rückkehr aus der Elternzeit bestmöglich, allerdings könne es dabei "im Einzelfall zu Unstimmigkeiten kommen". Insgesamt seien bei denn’s 56 Prozent der Führungskräfte, inklusive Stellvertreter-Ebene, weiblich.

Die Beraterin bei einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Ich war mehr als sieben Jahre lang bei einer internationalen Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft beschäftigt. Dort habe ich Betriebsprüfungen bei Mittelständlern geleitet. Ich wurde gelobt und gefördert. Das änderte sich schlagartig, als ich meinen Chef Anfang 2014 über meine Schwangerschaft informierte. Er war nicht begeistert, das hatte ich auch nicht von ihm erwartet. Verwundert war ich aber schon, als er mich dazu aufforderte, das Mutterschutzgesetz zu umgehen. Das sieht ein Beschäftigungsverbot für Schwangere zwischen 22 und 6 Uhr vor, nach 20 Uhr dürfen werdende Mütter nur arbeiten, wenn sie sich ausdrücklich dazu bereit erklären. Außerdem dürfen sie täglich nicht mehr als 8,5 Stunden arbeiten.