"Bitte schnell handeln" – Seite 1

DIE ZEIT: Frau Oesterling, Sie beschäftigen sich als Arbeitsrechtlerin ständig mit Diskriminierung. Überraschen Sie die Zitate aus unserer Befragung?

Julia Oesterling: Mir ist schlecht geworden beim Lesen. Die Auswertung ist erschreckend, aber sie überrascht mich nicht.

ZEIT: Am häufigsten genannt wurde die ungleiche Entlohnung – obwohl es doch seit 2017 ein Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit gibt. Wieso ändert sich nichts?

Oesterling: Dieses Entgelttransparenzgesetz ist ein zahnloser Tiger. Ein Recht auf Auskunft gibt es überhaupt erst bei Betrieben ab 200 Mitarbeitern und wenn es mindestens sechs Kollegen in einer vergleichbaren Position gibt. Es muss auch immer eine einzelne Frau hingehen und ihre Rechte einfordern – und diese Frau muss berufliche Nachteile befürchten.

"Zwar nehmen immer mehr Väter zwei Monate Elternzeit, doch darüber hinaus fürchten viele berufliche Nachteile."
Julia Oesterling, Anwältin

ZEIT: Was müsste geschehen?

Oesterling: Staatliche Stellen kontrollieren selbstverständlich, ob Unternehmen Bestimmungen zur Gesundheit und Sicherheit ihrer Mitarbeiter einhalten. Genauso könnten sie überprüfen, ob sie die Bestimmungen zur Lohngleichheit befolgen.

ZEIT: Diskriminierung während einer Schwangerschaft oder Elternzeit spielt die zweitgrößte Rolle ...

Oesterling: ... kein Wunder. Kinder dürfen nicht länger ein Frauenthema sein. Zwar nehmen immer mehr Väter zwei Monate Elternzeit, doch darüber hinaus fürchten viele berufliche Nachteile.

ZEIT: In welchen Branchen ist die Diskriminierung besonders stark?

Oesterling: Überall. In meiner Kanzlei vertreten wir Mitarbeiterinnen von Automobilherstellern, kleinen Eisdielen im Kiez und natürlich von Start-ups. Es gibt auch das Theater, das Stücke gegen Diskriminierung auf die Bühne bringt, aber die Tontechnikerin hinter der Bühne diskriminiert.

ZEIT: Sind Frauen durch die Gesetze ausreichend geschützt?

Oesterling: Nein. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz kann Frauen nur helfen, wenn sie es kennen. Vier von fünf Beschäftigten wissen nicht einmal, dass ihr Arbeitgeber sie vor sexuellen Übergriffen am Arbeitsplatz schützen muss.

ZEIT: Diskriminierung ist oft schwer nachweisbar: In welchen Fällen lohnt sich der Rechtsweg?

Oesterling: Wenn es Dokumente gibt, E-Mails, Fotos, Zeugen oder eine detaillierte Beschreibung der Betroffenen. Und wenn die Betroffene eine Rechtsschutzversicherung für Arbeitsrecht hat oder Mitglied einer Gewerkschaft ist, was die Beratung und Klagevertretung mit einschließt.

"Ein Gedächtnisprotokoll, mit Datum und Uhrzeit"

ZEIT: Was raten Sie Frauen, die im Berufsalltag eine Diskriminierung erfahren?

Oesterling: Beweissicherung ist das Erste. Ein Gedächtnisprotokoll schreiben, mit Datum und Uhrzeit. Was ist passiert, wer war dabei? Und bitte schnell handeln. Gerade bei sexueller Belästigung ist es so, dass der Täter, wenn er einmal die Grenze überschritten hat, immer weitermacht.

ZEIT: Hat sich seit der #MeToo-Debatte etwas geändert?

Oesterling: Insbesondere Frauen sprechen mehr über das Thema. Es gibt auch einen Austausch darüber, wie man sich in der konkreten Situation wehren kann – beispielsweise wenn ein Kollege einen sexistischen Witz macht. Allerdings gibt es nach meinem Eindruck nicht mehr Klagen gegen sexuelle Belästigung.

"Keiner, der beklaut wurde, wird routinemäßig gefragt, ob er den Überfall erfunden hat."

ZEIT: Gibt es auch Frauen, die solche Geschichten erfinden?

Oesterling: Mir ist kein Fall bekannt. Interessanterweise wird diese Frage auch nur bei sexueller Belästigung gestellt. Keiner, der beklaut wurde, wird routinemäßig gefragt, ob er den Überfall erfunden hat.

ZEIT: Sollte sich eine Mitarbeiterin mit ihrem Chef zum Abendessen verabreden?

Oesterling: Wenn sie das selbst möchte, klar. Sie sollte sich nur nicht aus anderen Gründen verpflichtet fühlen. Und ein Abendessen heißt nicht, dass sie sich anfassen lassen muss.

ZEIT: Wie sollten sich Frauen, die von ihrem Vorgesetzten sexuell belästigt werden, diesem gegenüber verhalten?

Oesterling: Der Arbeitgeber muss die Mitarbeiterin vor sexueller Belästigung schützen. Sie muss sich bei dem Chef ihres Vorgesetzten beschweren, und dieser Chef muss den Täter abmahnen, versetzen oder entlassen. Jemand, der sexuell übergriffig ist, darf nicht in einer Vorgesetztenposition bleiben.